Historische Blaetter 2. (1921)
Viktor Bibl: Das Don Carlos-Problem im Lichte der neuesten Forschungen
« alle Male aus der Geschichte zu streichen.“ Also: die eine der beiden Grundthesen, die ich als unhaltbar bezeichnete, ist gefallen. Wie steht es nun mit der anderen, der These vom pathologischen Schwachsinn oder Blödsinn des Infanten? Auch sie wird von Rachfahl ausdrücklich abgelehnt (S. 69). Rachfahl macht mir das wertvolle Zugeständnis, daß Don Carlos von Haus aus nicht ohne bessere Anlagen war (S. 51). Er spricht von Vorzügen seines Charakters und Geistes (S. 165) von guten Anlagen, deren richtige Entfaltung viel Segen hätte stiften können, aber durch die verkehrte Behandlung, die der Vater dem Sohne angedeihen ließ, wurden sie eher in ihr Gegenteil verkehrt (S. 54). Also so war Don Carlos doch, wie ich mich1 zu zeigen bemühte, das Opfer seines Vaters? Ja, das war er: „ein Opfer seines Vaters“ (S. 51). Indes, dieses für mich so wichtige Ergebnis der Rachfahlschen Studie verliert sehr viel an Boden, wenn wir uns seinen Don Carlos näher ansehen: dann ist er nämlich doch — schwachsinnig; höchstens daß vielleicht das angeborene Moment des Schwachsinns wegfällt und der Beginn desselben mit den ersten Nachrichten über den jungen Infanten zusammenfällt. Doch hören wir Rachfahl, wie sich vor seinem geistigen Auge das Charakterbild des Don Carlos darstellt. Der Infant war nach den die einzelnen Züge1 zusammen-» fassenden Schlußurteil: „Vorwitzig und unüberlegt im Reden und Handeln, jäh, sprunghaft, träge und ohne tiefere Interessen, maßlos exzentrisch, nicht minder brutal und grausam, ebenso anmaßend wie der Vater, von einem ungeheuren Selbstdünkel und Eigensinn erfüllt, seinen kindischen egoistisch ehrsüchtigen Trieben und Instinkten zügellos nachgebend“ (S. 166). In der Tat keine besonders angenehmen Eigenschaften, die sich freilich zum größten Teil, wie der wohlwollend© Leser einwenden könnte, auf seine Jugend zurückführen ließen. Reife — ihren Mangel verübelt Rachfahl dem Prinzen ganz besonders — ist leider als eine Alterserscheinung anzusehen, so wie die Unreife als ein göttliches Vorrecht des Kindheits- und Jünglingsalters betrachtet werden kann. Aus jugendlichen Feuerköpfen wurden, wie man weiß, nicht selten die tüchtigsten Männer. Doch sei natürlich gerne zugegeben, daß nicht immer aus einem heftig gährenden Most ein guter, edler Wein wird. Der königliche Vater hat indes den Läuterungsprozeß nicht abgewartet, indem er Don Carlos, wie man weiß, im Alter von kaum dreiundzwanzig Jahren aus der Bahn schleuderte — und Rachfahl gibt ihm hier recht; denn der Prinz war seiner ganzen Art nach auch, politisch unreif, dahier regierungsunfähig, weil schwachsinnig (S. 36, 69). Der minderwertige Knabe Don Carlos ist also glücklich wieder da. Das düstere Bild, das uns Rachfahl vom Infanten Zeichnet,, hat mit jenem Büdingers eines gemeinsam: mit den Beweisen für die von beiden behauptete Minderwertigkeit sieht es recht schlimm aud und über diesen schwachen Punkt hilft auch die beredteste Schilderung der Charaktermängel nicht hinweg: Ich möchte mit Rachfahl sagen: „Die Stäike der Affirmation muß hier wieder die Schwäche des Arguments ersetzen“ (S. 136), und ich müßte eigentlich mein ganzes Buch wiederholen, um das Fehlerhafte, das Einseitige dieser Darstellung ins gehörige Licht zu setzen. Wieder ist hier das, was zu beweisen wäre, als bewiesen angenommen. Der Prinz wird, ohne daß er nachweisbar etwas angestellt hat — siehe die Äußerung des Königs zum Papst und die Versicherung des Beichtvaters, der Prinz sei mehr in seinen Worten so schlimm —■ mitten in der Nacht verhaftet und hinter Schloß und Riegel gesetzt. Kein Wunder, wenn er darüber in die größte Erregung gekommen wäre. Indes haben wir über die Vorgänge im Gefängnisse keinerlei zuverlässige Kunde. Das hindert Rachfahl nicht, zu behaupten, daß sich Don Carlos dort in törichten und feindseligen Redensarten gegen den Vater erging (S. 129). Don Carlos trifft Anstalten zur Flucht — erwiesen ist nur, daß man diese stets fürchtete — jedenfalls weiß man nicht viel darüber; aber Rachfahl findet, daß er sie nicht kopfloser hätte anstellen können (S. 97). Der Prinz klagt, daß man ihm keinen ihm zusagenden Wirkungskreis einräume — denn die Figurantenrolle im Staatsrate konnte den 1 Wir verweisen hier auf S. 22, 26, 27, 28, 29, 31, 46, 48, 50, 54, 59, 68, 69, 78, 81, 83, 84, 90, 91, 96, 111, 112, wo das „Unreife“ seines Wesens und das „Krankhafte“ seines Ehrgeizes ganz besonders unterstrichen erscheint.