Historische Blaetter 2. (1921)
Viktor Bibl: Das Don Carlos-Problem im Lichte der neuesten Forschungen
Das Don Carlos-Problem im Lichte der neuesten Forschungen von Viktor Bibi * Meine Studie über die Don Carlos-Frage1 hat nicht durchwegs Anklang gefunden. Darauf war ich gefaßt. „Ob,“ so schrieb ich in dem Geleitwort (S. XIV), „meine Darstellung, die der heute bereits fest eingewurzelten Vorstellung vdh dem .minderwertigen' Menschen, dem ,Knaben' Don Carlos so schnurstraks entgegenläuft, sotort allseitige Zustimmung finden wird, bezweifle ich selbst; aber ich betrachte es schon als einen Gewinn, wenn die kanonische Auffassung erschüttert würde, um neuerlichen Untersuchungen die Bahn zu profínén." Der Widerspruch kam also für mich keineswegs überraschend und — im Interesse der Sache — sogar erwünscht; denn, wie kürzlich Below gelegentlich einer Be* sprechung von Spenglers „Untergang des Abendlandes“ so treffend bemerkte, „im gegenseitigen Kampf vertiefen sich nun einmal die Anschauungen“.1 2 So konnte ich es denn als einen Erfolg meiner Schrift buchen, daß einer der gründlichsten Kenner der Zeit Philipps II., der verdienstvolle Biograph Margarethas von Parma und Wilhelms von Oranien, sich veranlaßt sah, in einer eigenen Untersuchung zu dem vielumstrittenen Problem Stellung nehmen3, gegen meine Darstellung, die ihn, wie er selbst bekennt, zum Einspruch gereizt hatte, förmlich Protest zu erheben. Die Einwände eines so anerkannten Fachmannes dürfen wohl von vornherein die ernsteste Beachtung und — so darf ich wohl hinzufügen — ein allgemeines Interesse beanspruchen; handelt es sich doch hier, weit räber den speziellen Gegenstand hinaus, um die wichtigsten Probleme der kritischen Geschichtsforschung. Bevor ich indes auf Rachfahls Erwiderung eingehe, möchte ich zum besseren Verständnisse der Streitpunkte meinen eigenen Standpunkt, wie ich ihn in der erwähnten Arbeit vertreten, die unmittelbare Veranlassung und die Ergebnisse derselben, kurz in Erinnerung rufen. Anton Chroust hatte in einer anziehenden Studie über ein von der Don Carlos*- Forschung übersehenes französisches Memoirenwerk, das über die Besichtigung der sterblichen Überreste des Infanten berichtete, die Frage aufgeworfen, ob es nicht möglich wäre, daß tatsächlich seine Hinrichtung, wie sie dort behauptet wurde, stattgefunden habe und alle die Gesandten, welche übereinstimmend das natürliche Ende des Prinzen meldeten, einer systematischen Täuschung unterlegen seien. Die Frage war interessant genug, und da ich als Bearbeiter der Korrespondenz! Kaiser Maximilians II., des prädestinierten Schwiegervaters des Don Carlos, sozusagen persönlich interessiert war, entschloß ich mich, dem verwickelten Problem näher zu treten. Das Ergebnis war, daß die zuletzt von Büdinger mit dem größten Nachdrucke vertretene Auffassung vom liebevollen, bekümmerten .Vater und dem pathologisch schwachsinnigen, bösartigen Sohne unhaltbar sei. Es waren schwerwiegende Bedenken allgemeiner und besonderer Natur, die mich zwangen, gegen meinen Lehrer in die Schranken zu treten. Gerade die Anschauungen des Wiener Hofes, über die ich gut unterrichtet war, boten mir die stärkste Handhabe dazu. Fürs erste konnte ich unmöglich an der Tatsache vorübergehen, daß’mit dem Begriff der „geistigen Unzurechnungsfähigkeit“ im Verlaufe der Jahrhunderte zu häufig Mißbrauch getrieben wurde, so daß, wenn iwir allen solchen Anschuldigungen ohneweiters Glauben schenken wollten, die Weltgeschichte ein einziges großes Tollhaus darstellen würde. Wer war nicht ein '„Rasender“ — von irgendeiner Seite wurde 1 Der Tod des Don Carlos (Wien und Leipzig 1918). 2 „Deutsches Volksblatt“ vom 3. Juni 1920. 3 Finn P.arlr»« TC ri ticrViP TTnfArQnclinnrrpn von FVliv Rnrhfnhl fFrPihnrrr i R .