Historische Blaetter 2. (1921)
Heinrich Glück: Kunst und Künstler an den Höfen des 16. bis 18. Jahrhunderts und die Bedeutung der Osmanen für die europäische Kunst
Deutschland gesandt1 und alsbald nahm die Verehrung dieser Blumen ihren Weg durch Europa, um in den Jahren 1634—1640 in Holland ihren an Wahnsinn grenzenden Höhepunkt zu erreichen. Aber noch in einem anderen Sinne hat türkischer Blumenkult nach Europa eingewirkt. Schon in der mittelalterlichen Dichtung hat der Orient mit halb sagenhaften Berichten von dem goldenen Baum oder von edelsteinbekränzten Rosen (Laurins Rosengarten) eingewirkt1 2. V'on einem „Garten des Paradieses“, in dem wirklich statt natürlicher Blumen brillantierte Rosen- und Juwelensträuße standen, und der dem Wesir Hasan (f 1601) in der Nähe von Tokát gehörte, berichtet der türkische Geschichtsschreiber Naima3. Als ein letzter Ausfluß dieser orientalischen und osmanischen Liebhabereien wird der Blumenstrauß aus Juwelen gelten können, der alsi Geschenk Maria Theresias an ihren Gemahl heute im Wiener Naturhistorischen Museum aufbewahrt wird. Überblicken wir nun die im obigen vorgeführten Parallelen und Beziehungen in den europäischen und osmanischen Kunst- und Kulturerscheinungen, so wird klar, daß\ wir es nicht bloß mit vereinzelten Zufälligkeiten zu tun haben, sondern daß es sich darin um einen großen internationalen Strom handelt, der freilich nicht von Volksschichte zu Volksschichte spielt, sondern im wesentlichen in der Oberschichte der Höfe spielt und erst von dieser aus in breitere Schichten eindringen kann. Von Wichtigkeit wird die Erkenntnis sein, daß durch das ganze Mittelalter und die neuere Zeit hindurch vom äußersten Osten Chinas über Zentralasien und Persien ein ununterbrochener Kulturzusammenhang zu finden ist, der zuerst durch die islamische Eroberung der Südländer des westlichen Mittelmeeres für Europa fruchtbar wurde und in der Zeit von Minnegesang und Ritterwesen den Westen mit Orientalismen überschwemmte. Mag auch dieser Vorstoß von Osten her noch bis in die Renaissancezeit nachgewirkt haben, so ist in ganz erheblichem Maße für die neuere Zeit noch mit einem zweiten Vorstoß zu rechnen, der von Seldschuken uns Os- manen über Kleinasien nach dem Balkan vorgetragen wird, und — wie politisch so auch kulturell — eine Fortführung der Ost-Westbewegung bedeutet, neben der der direkte Seeweg nach Ostindien erst in zweiter Linie in Betracht kommt. Alle jene von den Höfeni getragenen Modeströmungen erscheinen dann ihrer Anregung nach 1 1. Reinhardt a. a. 0., 13, 471 ff.; Hammer, Gesch., H, S. 263. 2 Vgl. Gothein, I, S. 202. 3 Hammer, Gesch., II, S. 6511.