Historische Blaetter 2. (1921)

Berthold Molden: Das Schicksal der Deutschen und der Weltkrieg

gehen lasse. Diese wurde geboten durch die russische Gesamtmobili­sierung, die Deutschland zur Gegenmaßregel nötigte und Frankreich ins Spiel brachte, Frankreich, dessen Besehützung gegen die deutschen Waffen, durch die es sich angeblich bedroht fühlte, ein Programmpunkt der englischen Politik geworden war. Deutschland war matt gesetzt. Die Mobilisierung von dreizehn Korps gegen Österreich-Ungarn und der geheime Beginn der Gesamtmobilisierung war in Petersburg am 29. Juli beschlossen worden. Da jedoch der Zar am Abend ein Telegramm Kaiser Wilhelms erhielt, befahl er, die Mobilisierung rückgängig zu machen. Man kehrte sich nicht daran, und am 30., am frühen Nach­mittag, erschien Sasonow zum Vortrag in Peterhof. Auf Grund der Mit­teilungen, die Sasonow den französischen Botschafter Paleologue machte, hat dieser den Verlauf der Audienz in seinem in der „Revue des deux Mondes“ veröffentlichten Tagebuch dargestellt. Aus dieser Darstellung geht deutlich hervor, daß sich der Zar und Sasonow über die Bedeutung eiuer Mobilmachung vollkommen klar waren (man kennt ja übrigens die wenige Monate vorher ergangene Weisung: „Mobilmachung bedeutet Krieg“) und daß daher die Entrüstung über die danach erfolgte deutsche Kriegserklärung eine bloß gespielte war. Man sieht auch, wie Sasonow dem Zaren seine Auffassung suggerierte. Der Zar überreichte dem Minister ein zweites vom Kaiser Wilhelm bei Nacht abgeschicktes Telegramm: „Wenn Rußland gegen Österreich- Ungarn mobilisiert, wird die Vermittlermission, die ich auf Deine in­ständige Bitte übernommen habe, gefährdet, wenn nicht unmöglich ge­macht. Das ganze Gewicht der zu fassenden Entscheidung ruht jetzt auf Deinen Schultern, die die Verantwortlichkeit für Krieg oder Frieden zu tragen haben werden.“ Es ist das Telegramm, das man aus den amt­lichen Veröffentlichungen kennt. Paléologue schildert die Szene in seiner effektvollen Weise: „Nachdem Sasonow das Telegramm gelesen und wieder gelesen hat, macht er eine verzweifelte Geste. „Wir werden — sagt er — den Krieg nicht mehr vermeiden. Deutschland weicht sichtlich der Vermittlungs­aktion aus, die wir von ihm verlangen, und sucht nur noch Zeit zu ge­winnen, um im geheimen seine Angriffsvosbereitungen zu beendigen. Unter diesen Umständen glaube ich, daß Eure Majestät die Anordnung der Gesamtmobilisierung nicht mehr aufschieben kann.“ Sehr blaß und mit gepreßter Stimme antwortet ihm der Kaiser: „Denken Sie an die Verantwortlichkeit, die Sie mir zu übernehmen raten. Denken Sie, daß es sich darum handelt, Tausende und Tausende von Menschen in den Tod zu schicken.“ Sasonow ergriff wieder das Wort: „Weder das Gewissen

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