Historische Blaetter 1. (1921)

Arnold Winkler: Die Korrespondenz des Erzherzogs Johann mit der Staatskanzlei über die Schweizer Sonderbundsfrage

liegt die große Bedeutung der Denkschrift vom Juli 1847, die er dem Staatskanzler übermittelte, bloß im rein Menschlichen. Der Erzherzog wußte zwar augenscheinlich, daß die Sendung des Fürsten Schwarzen­berg samt ihren interessanten Begleitumständen kein positives Ergebnis gehabt hatte; er kam auf diese Angelegenheit mit keinem Worte zurück. Aber daß er umständlich von einer Blockade der Schweiz schrieb, beweist, daß er von dem mißglückten Versuch Österreichs zur Blockierung des Kantons Tessin und all den zugehörigen Verhandlungen und Maß­nahmen keine Ahnung hatte. Daß er einen ganzen Besetzungsplan vor­legte, zeigt, daß er vom Verhältnis Frankreichs zu Österreich und Deutschland diesbezüglich im Grunde nichts wußte. Schon im März 1847 lag dem Staatskanzler ein von Radetzky autorisiertes Memoire vor, das keinen Zweifel daran erlaubte, daß jedes Überschreiten der Schweizer­grenze durch die Truppen der Großmächte zum europäischen Kriege das Signal gebe. Schließlich wußte der Erzherzog nicht — und das ist wohl das Sonderbarste an einem Feldmarschall der österreichischen Armee — daß Radetzky vor kurzem sein unumwundenes Gutachten dahin abge­geben hatte, die Armee Österreichs sei eigentlich gar nicht schlagfertig und habe für Okkupationszwecke nicht einmal ein Bataillon übrig1. Schon im Februar 1846 hatte Erzherzog Johann brieflich an Prokesch einer »einstimmigen Sprache der Mächte« gedacht; im Jahre 1847 stand er den Dingen noch mit der gleichen Naivität gegenüber, schritt also, von der Staatskanzlei ohne Licht gelassen, völlig im Dunkeln. Aber menschlich und wahr geht dem Leser nahe, was der Erzherzog aus ureigener Erfahrung über Wesen und Behandlung der Massen und von dem Wert aller »Popularität« zu sagen weiß. Auch seiner Voraussicht des wahrscheinlichen Verlaufes eines Bürgerkrieges gaben die späteren Tatsachen im allgemeinen recht; im Juli 1847 aber war Metternich damit noch nicht geholfen. Und dennoch vermochte der Staatskanzler aus der Denkschrift einen Gedanken zu nehmen, der zwar die Situation nicht rettete, aber, was ihm nachgerade vielleicht wichtiger war, einen geord­neten Rückzug erlaubte. Erzherzog Johann befürwortete eine bewaffnete Intervention der Mächte, »allein sie müßte durch den Hilferuf der Bedrängten bedingt sein.« Und siehe da, als im Oktober 1847 die Rufe der Sonderbundskantone nach Beistand aufs stärkste nach Österreich hinübergellten durch den Mund ihres Führers Siegwart-Müller, da ließ Metternich durch den österreichischen Gesandten den Sonderbündlern sagen, sie müßten offiziell das Konzert der Großmächte um ein 69 1 Siehe darüber meinen Aufsatz »Die österreichische Politik usw.« S. 288ff. und 316 ff.

Next

/
Thumbnails
Contents