Historische Blaetter 1. (1921)
Alfred Stern (Zürich): Wit von Dörring in österreichischem Dienst
Hindernisse bittere Klage zu führen. Es war nämlich in der »Augsburger Allgemeinen Zeitung« vom 23. Januar 1860 ein mit einem Kreuz be- zeichneter, aus Wien vom 15. Januar datierter Artikel erschienen, in welchem »aus guter Quelle« näheres über »die neu begründete oberste Preßleitung und die Tätigkeit des Herrn Wit von Dörring« zur Widerlegung »vieler einander widersprechender Gerüchte und offenbarer Unwahrheiten« mitgeteilt war. ln diesem Artikel hieß es unter anderem mit Berufung auf das bei der Bildung des Ministeriums Rechberg entworfene »Programm vom 22. August1«: »Man erkannte endlich die Notwendigkeit, Österreichs Wiedergeburt in der auswärtigen Presse zur gebührenden Kenntnis zu bringen. Die Neubegründung dieser Preßleitung wurde vorläufig dem Polizeiminister Freiherrn von Hübner2 übertragen, wenngleich der Ministerpräsident sich ausdrücklich die Rücknahme derselben und die definitive Leitung als zu seinem Ressort gehörig vorbehielt. Der Rücktritt des Freiherrn von Hübner fand statt bevor die neue Preßleitung auch nur in ihren ersten Grundzügen festgestellt worden war. Man überzeugte sich, daß eine nach außen wie innen einheitliche, die Wirksamkeit sämtlicher Ministerien umfassende Preßleitung nicht füglich von einem einzelnen Minister, sondern nur von dem Träger des Gesamtministeriums ausgehen könne und so kam es denn, daß Graf Rechberg dieselbe wieder an sich zog und mit deren Führung den Herrn Wit von Dörring beauftragte«. Im Verlauf des Artikels hieß es dann, es handle sich bei der neuen Einrichtung nicht um »ein amtliches Einschreiten«, sondern «um eine rein geistige Einwirkung, unterstützt vom moralischen Einfluß des Grafen Rechberg« .........»Österreich wünscht in der Presse nur das Bekanntwerden und unbefangene Auffassung dessen, was geschieht — der Tatsachen. Es verlangt keine bill of indemnity für die Vergangenheit, es erschmeichelt sich kein vote of confidence für dje Zukunft, es begehrt nur fair play in der Gegenwart. So willig aber wie die Preßleitung eine ehrenhafte Opposition anerkennt, das heißt eine solche, die nicht der im Programm klar ausgesprochenen staatlichen Entwicklung selbst opponiert, sondern nur in etwaiger Wahl der Mittel und Wege abweicht, so entschieden wird sie dahin wirken, in und durch die Presse der bewußten frechen Lüge wie den versteckten Angriffen der Verleumdung entgegenzutreten. Allerdings stehen ihr hiezu keinerlei äußere Hülfsmittel, keine Lockungen oder Drohungen oder gar 1 S. Rogge: Österreich von Világos bis zur Gegenwart. Band 2, S. 11. Josef Redlich: Das österreichische Staats- und Reichsproblem 1921, I. 1. S. 462, 463. 2 Alexander Hübner war der Nachfolger des am 22. August 1859 entlassenen Polizeiministers von Kempen und wurde seinerseits am 24. Oktober 1859 durch den von Arneth erwähnten Freiherrn von Thierry abgelöst.