Historische Blaetter 1. (1921)

Otto Cartellieri: Der Pas de la Dame Sauvaige am Hofe Herzog Karls des Kühnen von Burgund

Hieben des Gegners und vor dessen ungestüm herandrängendem Pferd zurück und lief Gefahr »d’estre abbatu sur son cul«. An bemerkenswerten Zwischenfällen fehlte es auch sonst nicht. Mehrfach kam es vor, daß ein Kämpfender sein Schwert verlor, und daß gemäß den Bedingungen erst entschieden werden mußte, ob der Kampf schon als begonnen anzusehen wäre — dann wurde er nach den Statuten abgebrochen — oder nicht. Der eine Tjostierer brach sein Schwert mitten durch und focht mit dem Stumpfe weiter. Einigen wurde das Visier heruntergeschlagen1; einem Knappen der wallende Feder­schmuck des Helms. Ein griechischer Ritter, der am burgundischen Hofe aufgewachsen war, Anton von Trapezunt, büßte sein Oberarmzeug ein. Ebenso ging es dem Markgrafen von Ferrara. Besonderes Lob er­warb sich Charles de Visan; er traf den Partner zwischen die vier Nägel2, also auf den Buckel des Schildes und brach dabei seine Lanze. Ihm sollte dafür der Siegespreis, der Schild mit dem Bilde der Wilden Herrin zugesprochen werden. Ritter und Pferde gerieten oft in größten Eifer und wilde Erregung: Vaudrey und Rousquin du Fay wollen sich am Schlüsse, wie die Sitte es verlangte, vor den Richtern die Hand reichen; doch der »Stolz« der Pferde duldet es nicht, sie verabschieden sich »mit guten Worten und in Ruhe«, indem sie sich bloß zuwinken. Als Vaudrey und sein letzter Gegner sich am Sonntag gegenüberstehen, können sie gar kein Ende finden und teilen wohl über dreißig Hiebe aus. Ein außerordentlicher Luxus wird auch bei dieser Gelegenheit ent­faltet3. Schon im Schmuck der Pferde. Vaudrey wechselt ihn fast bei jeder Tjost. Gern zeigt er das Andreaskreuz, so aus blauem Samt auf gelbem Atlas, aus karmesinrotem Samt auf weißem Atlas oder schwarz auf lohfarbenem Seidentaft. Manchmal sind Eichen- und andere Blattornamente in die Samtdecke geschnitten, so daß sich der Unter­grund wirkungsvoll abhebt, weißer Schleierstoff von grünem, blaue Taft­seide von karmesinrotem Samt. Die Gäste standen nicht nach. Der Pfälzer Knappe, der den Wahlspruch »Sans Repos« führte, hatte grünen Samt gewählt; darauf waren griechische Buchstaben A A und X X ge­stickt, um die sich eine von einem Schlosse herabfallende Kette schlang. Ein anderer hatte auf dem Rande der violetten Taftseide große Glocken 53 1 Traicté 84; siehe auch S. 85: il advint — — que l’entrepreneur avoit donné ung si grand cop d’espée audit signeurde la Ferté qu’il avoit avallé (?) la banniére (?baviere? barbiere?) de sa barbute tellement que du coup il avoit la plus part du visaige des- couvert. 2 Entre les quatre points. 3 Viele Einzelheiten in: Cartellieri, Ritterspiele 21 ff.

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