Historische Blaetter 1. (1921)

Harold Steinacker: Geschichtliche Notwendigkeiten deutscher Politik

Enge und der wirtschaftlichen Not für die Mehrheit des Volkes, der Auswanderung nach Amerika? Nein, die klassischen Leistungen des deutschen Geisteslebens gehören viel weniger zu dieser ihrer eigenen Zeit als zu dem neuen Deutschland, das sie vorbereiteten und schaffen halfen. Die Gemeinde unserer großen Dichter und Philosophen ist die erste rein geistige Verkörperung Alldeutschlands. Bismarck hat nur politisch fortgesetzt, was Goethe, Schiller, Humboldt im Geistigen begonnen: die Einigung aller Deutschen zu einer Lebensgemeinschaft. Sie werden jetzt verstehen, warum ich Ihren Blick so lange bei den trüben Schatten der deutschen Geschichte festgehalten habe. Damit sich davon doppelt leuchtend das Bild der Zeiten davor und danach abhebe, als es eine starke Reichsgewalt gab, als das Deutsche Reich wie eine mächtige Eiche deutsches Land schützend beschattete. Denn nur wer den ganzen Jammer der dazwischen liegenden Zeit lebendig nachfühlt; nur wer mit Bitterkeit sieht, wie deutsches Wesen, deutsche Kunst, deutsches Denken unter den trostlosen Zuständen verkümmerte, wie damals so viele Fehler unserer Volkseigenart entstanden oder sich ver­schärften, nur der kann die Zeiten der alten und der neuen Kaiserherr­lichkeit ganz als Höhepunkt unserer Geschichte empfinden. In dieser stolzen Empfindung liegt nicht blindgläubige Verehrung der Macht an sich, wie manche Schwarmgeister von heute unseren Gegnern nachreden und unserer Jugend einreden möchten. Sondern die Erkenntnis, daß Ohnmacht und Unordnung ein Volk sittlich viel tiefer schädigen, als Ordnung und Macht, die ja gewiß auch überspannt werden können und ihre Gefahren haben, es je vermöchten. Dem Satz des Basler Bürgers Jakob Burkhardt, daß die Macht an sich böse sei1, setzen wir den Satz entgegen, daß die Unabhängigkeit der natürliche, der gottgewollte Zustand eines Volkes ist und daß die Ohn­macht, die die Abhängigkeit von Fremden bedeutet, die Völker sittlich krank macht und unter Umständen zum Volkstod führen kann. Die Geschichte weiß viel zu erzählen von Reichen, die zerstört, von Kulturen, die vernichtet worden sind, weil ihnen die Staatsmacht, die Wehrmacht fehlte; — sie weiß von keinem Volk, das untergegangen wäre, so lange es Macht oder Willen zur Macht besaß. Weder die Franzosen, noch die Engländer, noch die Amerikaner sind durch die Macht, die sie besaßen, in ihrem Dasein und der Möglichkeit der Fortentwicklung gehemmt worden. Aber ob die kleineren Staaten wie Holland, Belgien und die 39 1 Burkhardt hat diesen Satz von Schlosser übernommen. Aber der Nachdruck, mit dem er ihn wiederholt, zeigt, daß er darin seine eigenste Überzeugung wiederfand. Vgl. dazu J. Oeri in seinem Vorwort zu Burkhardt, Weltgeschichtliche Betrachtungen p. VI.

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