Historische Blaetter 1. (1921)

Harold Steinacker: Geschichtliche Notwendigkeiten deutscher Politik

torialherren hervor. Statt allmählich ein einheitlicher Staat zu werden wie Frankreich und England, wird Deutschland ein loser Bund größerer, kleinerer und kleinster örtlicher Gewalten unter einem Schattenkönigtum, dem ein einziger unglückseliger Weg offenbleibt: der Weg der Haus­machtpolitik. Aber auch auf Kosten der römischen Kirche, seiner einstigen Verbündeten, hat das deutsche Fürstentum seinen Vorteil verfolgt1. Im Zeitalter der großen Reformkonzilien haben die deutschen Landes­fürsten den Einfluß auf kirchliche Dinge scharf vertreten. Gerade durch die Art, in der sie sich auf dem Gebiet der Kirchenpolitik äußerte, hat die aus dem Mittelalter stammende politische Zersplitterung Deutsch­lands den Verlauf der Reformation beeinflußt, durch den sie hinwieder verschärft und verewigt worden ist. Das hat den weiteren Schicksalsgang unseres Volkes verhängnisvoll bestimmt. Es konnte eben keine große Frage an Deutschland herantreten, ohne daß die Entscheidung durch fürstliche und landschaftliche Sonderinteressen verfälscht wurde. Im 16. Jahrhundert haben die einen unter den Fürsten die ursprünglich rein geistige Bewegung der Reformation zur Erweiterung ihres Gebietes aus­genützt, die anderen wieder die Gegenreformation zur Knickung der ständischen Macht und zur Begründung einer unbeschränkten Gewalt. In beiden Lagern aber ging die „ständische Libertät“ dem Reichs­interesse vor. Der Mangel an Macht und Einheit, der vornehmlich die Schuld der Fürsten war, wurde unser Verhängnis. Wir konnten nicht hindern, daß Deutschland im dreißigjährigen Krieg das Schlachtfeld Europas wurde und in Armut und Roheit versank. Von da an gewannen die anderen Völker erst so recht ihren Vorsprung vor uns, den sie bald wie ihr gutes Recht ansahen und den eingeholt zu haben die unver­zeihliche Schuld des neuen Deutschen Reiches ist. Andere Völker sind eben unbeirrt und unaufhaltsam den Weg zur staatlichen Einheit und zur Einheit des geistigen Lebens gegangen; ihr Aufstieg führt zu Einheit und Macht. Wir sind ihnen langsam und auf tausend Umwegen gefolgt, jeder Stamm, jeder Staat eigenbrödlerisch seinen Pfad für sich. Die Hausmachtpolitik der Fürsten setzte sich um in den Partikularismus der Bevölkerungen. Es ist ein schwacher Trost, daß dadurch das Wesen des deutschen Volkes mannigfaltiger, reicher ge­worden ist als das der einheitlicheren, aber auch gleichförmigeren und einseitigeren Franzosen und Engländer. Wir sind dadurch doch auch kulturell überholt und lange Zeit vom Ausland abhängig geworden. Unsere * 37 * Vgl. H. v. Srbik, Die Beziehungen von Staat und Kirche in Österreich während des Mittelalters. Forschungen zur inneren Geschichte Österreichs, hg. v. Dopsch, Bd. I, Einleitung.

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