Historische Blaetter 1. (1921)

G. v. Below: Zur Geschichte der deutschen Geschichtswissenschaft

als er. Ihr Leitmotiv, der nationale Gedanke, stammt ja aus der Romantik. Dahlmann, der Begründer der neuen Richtung, ist aus der Romantik hervorgegangen, ein älterer Schüler von ihr als Ranke. Die anderen politischen Historiker sind der Mehrzahl nach Schüler von diesem und nicht etwa bloß auf dem Gebiet der formalen Methode der Quellen­forschung, sondern zugleich im historisch-politischen Urteil, in der Be­tonung des Machtstaatsgedankens. Auch das wollen wir erwähnen, daß die politischen Historiker sich ebenso wie die romantischen einer großen Gesamtanschauung der Dinge rühmen dürfen, die zwar anderer Art ist, aber Achtung gleichfalls verdient, den rohen Empirismus weit unter sich läßt \ Wenn nun zwar die politischen Historiker gegen die Romantiker ihrer Zeit einen Kampf geführt haben, gegen Ranke einen stillen, gegen romantische Praktiker einen offenen und heftigen, so ist doch nicht zu vergessen, daß der Ausgangspunkt beider derselbe war, nämlich die nationale Idee. Während die Romantiker vor allem die eigene Volksart wahren, das eigene Volkstum und die Nation nach außen verteidigen wollten, haben die politischen Historiker auch dies Moment nicht vernachlässigt, mehr jedoch und gelegentlich einseitig (wenigstens in ihrer ersten Zeit) das Recht der Selbstbestimmung der Nation im Innern vertreten und gefordert. So standen beide einander als Konservative und Liberale gegenüber; aber der Unterschied ist doch wesentlich nur der der mehr konservativen und der mehr liberalen Form der gleich kräftigen nationalen Idee2. Vergegenwärtigen wir uns das Verhältnis an dem Beispiel eines namhaften Vertreters der politischen Geschichtschreibung, Heinrichs v. Sybels. Er ist der Repräsentant einer neuen Generation gegenüber Ranke. »Die Thesen für seine Promotion haben in ihrem unbedingten Wider­spruch gegen alles Quietistische und gegen jede Unterschätzung der freien Persönlichkeit4 etwas Revolutionäres, den bewußten Zug einer 27 1 Vgl. Rothacker, S. 163. * Ich habe den Gesichtspunkt, daß diese zeitweilig einander feindlichen Elemente doch aus derselben Wurzel stammen, an der Hand einer Schilderung der Gegensätze innerhalb der burschenschaftlichen Bewegung in meiner Abhandlung »Die Anfänge einer konservativen Partei in Preußen«, Internationale Wochenschrift für Wissenschaft 1911, Bd. 5, S. 1094 ff. geltend gemacht. Vgl. H. Haupt, a. a. O., S. 30. Über die schließliche Milderung der Differenz zwischen den politischen Historikern und Ranke und dessen Sieg siehe meine Geschichtschreibung, S. 58 ff. Über Rankes Objektivität siehe meine »Parteiamtliche neue Geschichtsauffassung«, S. 28ff. 5 Vgl. über ihn jetzt F. v. Bezold, Geschichte der Universität Bonn, S. 396 ff. 4 Wenn die Romantik mit der Betonung der in der Geschichte waltenden allge­meinen Kräfte teilweise die Einzelpersönlichkeit zurücktreten ließ, so ist doch bei ihr der Individualität der schöpferischen Geister jedenfalls mehr Spielraum gelassen als bei Hegel (Rothacker, S. 121). Näheres hierzu siehe in meiner Geschichtschreibung S. 11; Histor. Zeitschr. 81, S. 242 ff.

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