Historische Blaetter 1. (1921)
G. v. Below: Zur Geschichte der deutschen Geschichtswissenschaft
die Charakterisierung der Romantik als Quietismus schlechthin noch mit einem kräftigen Beispiel abzuwehren, so sei daran erinnert, daß Dahlmann, einer der aktivsten Historiker, Staats rech tier und Politiker des 19. Jahrhunderts, seinen Ursprung in der Romantik hat. Im übrigen würde, wenn man der Romantik wegen ihres Quietismus eine historische Dynamik absprechen wollte, Hegels Philosophie in derselben Verdammnis sein. Man spricht ja auch von einem Quietismus Hegels und speziell der Althegelianer \ womit man zugleich eine Parallele zu der Entwicklung der Romantiker erhält. Wie jene Germanisten — von Dahlmann etwa bis Gierke — für die Einigung Deutschlands, für Einführung einer Verfassung und für deutsches Recht gegen römisches kämpfen und damit in Gegensatz zu Savigny treten, aber doch einen mit ihm gemeinsamen Boden haben, so steht die gärende Welt der Junghegelianer im Gegensatz zu ihrem Meister, ohne die Grundlinien seiner Philosophie aufzugeben. Der Unterschied zwischen beiden Gruppen ist der, daß die romantischen Germanisten klarer, zielbewußter, historischer und darum fruchtbarer sind, während die Junghegelianer sich mehr oder weniger in zergliedernder Kritik erschöpfen2. Wir nehmen natürlich den Standpunkt ein, daß Hegel so wenig wie Savigny und die Romantiker überhaupt als Quietisten schlechthin bezeichnet werden dürfen, beanspruchen jedoch schon darum — um zu unserem Ausgangspunkt zurückzukehren — für die einen so gut wie für die anderen das Verdienst, eine historische Dynamik begründet zu haben. Rothacker schildert in einem knappen Überblick den Einfluß Hegels auf die historischen Studiens. Wenn er seinen Standpunkt im romantischen Reich gewonnen hat, so zeigt er doch in der Beurteilung Hegels auch die romantische Unbefangenheit. Er sitzt nicht wie ein Aufklärer über die Vergangenheit zu Gericht, sondern als romantischer Forscher vertieft 1 Vgl. zum Beispiel Rosenzweig II, S. 203; Max Lenz, Kleine historische Schriften, I, S. 498. * Lenz, a. a. O., macht die gute Bemerkung, daß C. Rößler »nachhaltiger« als die anderen junghegelianer den Quietismus der Althegelianer bekämpft hat, weil er mehr als sie vom nationalen Gedanken beherrscht wurde. 3 Vor Rothacker habe ich in meiner »Geschichtschreibung« den Einfluß Hegels skizziert. Tröltsch bewegt sich wesentlich in Allgemeinheiten und vermeidet die Stützung seiner These durch Einzelbeweise. Im Gegensatz zu ihm unternimmt H. Heller, Hegel und der nationale Machtstaatsgedanke in Deutschland (Leipzig 1921) in eingehender Weise einen wirklichen Beweis für einen bedeutenden Einfluß Hegels zu erbringen, übrigens nicht speziell auf die Geschichtschreibung und auch nicht einen Einfluß der gesamten Hegelschen Philosophie, sondern einen Einfluß speziell des Machtstaatsgedankens Hegels auf Juristen, Philosophen, Historiker, Politiker. Wenn er auch (vgl. Literar. Zentralblatt 1921, Nr. 5, Sp. 90 f.) den Einfluß Hegels zu hoch schätzt, so sind doch seine Darlegungen zweifellos belehrend, namentlich auch die Schilderung der Gedanken, die Hegel selbst vertreten hat. Weit mehr als Heller begrenzt Rosenzweig, Hegel und der Staat Bd. 2, S. 104 ff. und S. 240 ff. den Einfluß Hegels. 2 Historische Blätter