Historische Blaetter 1. (1921)
Alexander Cartellieri: Deutschland und Frankreich im Jahre 1912 nach einer Umfrage des "Figaro" in Deutschland
Dr. .Hel ff er ich ist eine Persönlichkeit, deren ungewöhnlich vielseitige Tätigkeit die Aufmerksamkeit Bourdons fesselt. Zuerst ist vom Orient die Rede, wo nach Helfferichs Auffassung Deutschland und Frankreich Platz genug für gedeihliche Zusammenarbeit hätten. Bourdon erinnert sich gleich an ähnliche Gedanken Kiderlen-Wächters. Karl Fürstenberg von der Berliner Handelsgesellschaft betont, wie so viele vor ihm, wie sehr man in Deutschland alles Französische bewundert, und verurteilt die Hetzereien der Presse. Aus den Unterhaltungen mit den Bankherren ergibt sich das gewaltige Anwachsen des deutschen Nationalvermögens. Das im Umlauf befindliche Geld wird dann sofort wieder in Fabriken und Maschinen angelegt. Die deutsche Finanzlage ist ein sicheres Pfand des Friedens. Eine große Torheit aller Sozialisten liegt darin, daß sie gleichzeitig nach Pazifismus jammern und gegen das Geld wettern: denn die völlige Internationalisierung der Finanz würde den Weltfrieden bedeuten. 1 Die Lage der deutschen Finanzen geht Bourdon fortwährend durch den Kopf, er äußert sich darüber in längeren Darlegungen und gibt viele Zahlen. Ihre Richtigkeit mag dahingestellt bleiben: an dieser Stelle kommt es bloß auf die allgemeinen Gesichtspunkte an, die sich daraus ergeben. So glaubt er, daß der deutsche Reichtum sich großenteils auf fremde Unterstützung, insbesondere die des französischen Kapitals gründet. Das hält aber Helfferich für eine ebenso oft nachgesprochene als gänzlich falsche Behauptung. Ihm stimmen Fürstenberg und andere Bankiers zu, und einer von ihnen beruft sich darauf, daß der Reichsbankpräsident es gar nicht begrüßen würde, wenn viel fremdes Geld in Deutschland arbeite, weil dadurch Deutschland bis zu einem gewissen Grade vom Auslande abhängig würde. Frankreich hat nach der Schätzung Fürstenbergs allerhöchstens 300 Millionen Frank in Deutschland gehabt. Ist aber der Stand der deutschen Finanzen so blühend, so erscheint die Zerrüttung des Marktes vom Juli bis zum September 1911 erst recht auffallend. Die gefragten Finanzleute bestreiten die damalige Krise nicht, wohl aber ihre Ausdehnung, und daß sie allein durch die Marokkokrise und Zurückziehung der französischen Kapitalien hervorgerufen worden sei. Einige der Herren halten auch nichts davon, daß etwa deutsche Werte an der Pariser Börse gehandelt würden, wieder aus dem einfachen Grunde, weil damit Frankreich Einfluß auf das deutsche Volksvermögen gewönne. In sehr wirkungsvollen Sätzen schildert der Berichterstatter den wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands: wie es in einer Zeit des Genusses auch seinerseits genießen will; statt zu warten oder zu verzichten, sich 148