Historische Blaetter 1. (1921)
Alexander Cartellieri: Deutschland und Frankreich im Jahre 1912 nach einer Umfrage des "Figaro" in Deutschland
Einen besonderen Abschnitt widmet Bourdon Walter Rathenau, der mit einem Gleichnis beginnt: Deutschland spielt vor Frankreich die Rolle einer Geliebten, die immer ein freundliches Gesicht zeigt, um zu gefallen, damit aber kein Glück hat. In längeren Ausführungen schildert Rathenau dann, wie die Franzosen sich ein Vergnügen daraus machen, den Deutschen alle schlechten Eigenschaften zuzuschreiben, vor allem eine, in der eigentlich die anderen alle enthalten sind, den völligen Mangel an Geschmack. Auch er unterstreicht die deutschen Liebenswürdigkeiten und die persönlichen Bemühungen des Kaisers, die alle fehlgeschlagen wären. Frankreich sei für Deutschland sehr schwer zu verstehen. Dort wü den die großen Worte Ehre, Ruhm, Tugend fortwährend gebraucht, wie in den Dramen Corneilles. Eigenliebe und Stolz erfüllten die Massen wie den einzelnen. Es fehle an der Neigung zu nüchtern geschäftlicher Auffassung, wie das ja schon Kiderlen-Wächter bedauert hatte. Die Franzosen lehnten jedes Eingehen auf sachliche Gründe gern mit der Bemerkung ab, das gehe gegen ihre Würde, und damit erzielten sie allerdings Erfolge bei Verhandlungen. Auch Rathenau wirft ihnen vor, daß sie alles Deutsche lächerlich oder verächtlich machen. Elsaß-Lothringen ist nach ihm das Geheimnis der Zukunft. Die Franzosen messen alles am Pariser Maßstabe und vergleichen fortwährend, was zur Folge hat, daß sie im Auslande alles herabsetzen. Der Deutsche dagegen legt wie im Karneval immer neue Masken an und findet es wunderschön, einmal als Franzose, dann als Russe, Engländer oder sonst etwas zu erscheinen. Den Krieg will in Deutschland niemand, die Alldeutschen schreien vergeblich. Er fordert den Franzosen auf, ernsthaft darüber nachzudenken, was es bedeutet, daß es in Frankreich ein Thema gibt, über das niemand schreiben darf, während doch sonst die weiteste Preßfreiheit herrsche. Man könne sich über Revolution, Anarchie, Pornographie ungehindert äußern, aber nicht über Elsaß-Lothringen. Das sei sehr bedenklich, und dazu komme noch, daß in Frankreich gewisse Leute sich aus dem Deutschenhaß einen Beruf machen. Aber schließlich will Rathenau die Hoffnung auf gegenseitige Durchdringung deutschen und französischen Geistes nicht fahren lassen. Wenn Bourdon im Zusammenhänge auf die Alldeutschen zu sprechen kommt, kann man sich vornherein denken, wie er sich über sie äußern wird. Es hat keinen Wert, die starken Worte zu wiederholen, die er gebraucht. Wichtiger wäre es gewesen, wenn er gleichzeitig die Allfranzosen und die französische Patriotenliga mitverurteilt hätte. Dann könnte man bei ihm doch wenigstens eine einheitliche Auffassung finden. Es mag sein, daß er auf Umwegen auch die Übertreibungen eines edlen 144