Historische Blaetter 1. (1921)
Alexander Cartellieri: Deutschland und Frankreich im Jahre 1912 nach einer Umfrage des "Figaro" in Deutschland
man der empfänglichen Jugend keine vorgefaßten Meinungen einimpfen. Man kann es begreifen, daß Bourdon mit einer gewissen Spannung an die deutsche Presse herantritt. Er kennt die deutschen Zeitungen, aber er weiß nicht recht, ob es auch eine deutsche öffentliche Meinung gibt. Darüber will er sich bei dem Leiter des »Berliner Tageblatts« unterrichten. Theodor Wolff, der als Korrespondent desselben Blattes jahrelang in Paris lebte, vergleicht die nationalistische Presse Deutschlands mit der Frankreichs. Jene verfüge nur über unbedeutende Organe, und ihre Maßlosigkeiten würden immer gleich von zahlreichen anderen »ernsten« abgewiesen. Aber die Ruhmredigkeit der französischen Nationalisten würde von allen übrigen Zeitungen im Lande schweigend hingenommen, und ihre Berliner Korrespondenten seien nur darauf aus, Unfreundliches oder Unerfreuliches nach Paris zu melden. Bringe irgendein unbedeutendes deutsches Blatt eine törichte Notiz gegen Frankreich, so werde sie von diesen Herren brühwarm in die Heimat telegraphiert, und das Pariser Publikum glaube eine wahrhafte Offenbarung, der öffentlichen Meinung zu erhalten, weil es von der Bedeutung der^éinzelnen deutschen Zeitungen gar keine Ahnung habe. Deutschland, s& versichert Wolff, gibt sich viel mehr Mühe, Frankreich kennen zu lernen als umgekehrt. Die Pariser Korrespondenten der deutschen Blätter berichten über alles, was dort vor sich geht: Theater, Erfindungen, Ausstellungen, Literatur, Industrie, Politik, mag letztere erfreulich sein oder nicht Dagegen denken die Pariser Korrespondenten nur an ihr eigenes Volk, nicht an das, unter dem sie leben. Sie stellen sich einzig und allein auf die deutsch-französischen Beziehungen ein, und dadurch bekommen ihre Berichte etwas ungemein Künstliches und Willkürliches. Wolff bikämpft die irrtümer, die auch Bourdon über die deutsche Presse mitgebracht hat. Bourdon unterschätzt ihre Wirkung und ihre Macht bedeutend. Er täuscht sich vollkommen, wenn er glaubt, daß sie nicht frei sei. Wolff kann zum Beweise des Gegenteils auf sein eigenes »Tageblatt« verweisen, das scharf Opposition macht, auch die Minister nicht schont und doch sehr weite Verbreitung genießt. Bourdon schaltet hier seine allgemeinen Beobachtungen über das politische Leben in Deutschland ein. Der Deutsche sei von Natur fügsam und langsam, aber allmählich erwache er doch zu Kritik und Opposition. Im Reichstage werde der Kaiser freier getadelt als in Frankreich der Präsident der Republik. Tirpitz wird als Meister in der Behandlung der öffentlichen Meinung hingestellt: so habe er die Schiffe bekommen, die er brauchte. Bourdon überdenkt die seit dem Jahre 1911 so zahlreichen Fälle, wo deutsche Staatsmänner sich auf die öffentliche Meinung 142