Historische Blaetter 1. (1921)
Alexander Cartellieri: Deutschland und Frankreich im Jahre 1912 nach einer Umfrage des "Figaro" in Deutschland
gleiche freundliche Bereitwilligkeit gefunden habe, ihn aufzuklären. Wir fragen: würde ein deutscher Journalist damals in Paris auf ein gleiches Entgegenkommen, auf die gleiche rein menschliche Liebenswürdigkeit und Gastlichkeit haben rechnen können? Den Ausgangspunkt bildet Agadir, und Bourdon stellt sich zuerst die Aufgabe, den Zwischenfall seinen Landsleuten zu erklären und ihnen zu zeigen, daß er nur scheinbar ganz plötzlich auftauchte, in Wirklichkeit aber weit zurückreichte. Er versteht es dabei, ihnen einige minder angenehme Dinge zu sagen, in der behutsamen Weise, deren sich Franzosen immer bedienen müssen, wenn sie nicht unbedingt 'áie Partei ihres eigenen Landes ergreifen können. Den Kern der Schwierigkeiten erblickt er in der Auslegung des Marokkoabkommens vom 9. Februar 1909. Darin wurde ein wirtschaftliches Zusammenwirken unter Voraussetzung der französischen Ehrlichkeit geplant. Vom deutschen Standpunkt aus war es also rein geschäftlich aufzufassen, aber gerade davon wollten die Franzosen nichts wissen und suchten immer Vorwände, um es nicht auszuführen, bis schließlich klar wurde, das sie überhaupt mit den Deutschen keine Geschäfte machen wollten. Vergeblich wirkte ihr Berliner Botschafter Jules Cambon für eine Verständigung. Schließlich wurde trotz aller dringenden Warnungen Kiderlen-Wächters, des deutschen Staatssekretärs des Auswärtigen, Fes besetzt. Frankreich, so möchte man sagen, stellte sich taub. Es mußte einen kräftigen Stoß bekommen, um zu merken, daß die Sache ernst wurde, und der Panther warf am 1. Juli 1911 in Agadir Anker. Darüber geriet Frankreich ganz außer sich, und Bourdon hebt immer wieder hervor, wie grob und verletzend diese Maßregel gewesen sei, leugnet aber nicht, daß auch die franaösische Diplomatie große Fehler begangen habe. Um sich über diese Dinge Klarheit zu verschaffen, sucht er im Hochsommer 1912 Kiderlen-Wächter in Kissingen auf. Hier wie bei seinen späteren Gesprächen versäumt er es nicht, ein anschauliches Bild der äußeren Umstände, unter denen sich die Unterredung vollzieht, zu geben. Wir sehen die Herren leibhaftig vor uns: wir hören von den Handbewegungen, mit denen sie ihre Worte beleben, und den Zigarren, die sie rauchen, wir hören, wie das Zimmer oder der Park aussieht, in dem sie empfangen. Mögen das auch minder wichtige Dinge sein, so werden gerade diese später den Quellenwert der Schilderungen steigern und uns entschwundene Verhältnisse wieder in die Erinnerung rufen. Der Staatssekretär des Auswärtigen steht vor uns, im grünen Hut und langem Radmantel, eine mächtige, etwas schwerfällige Gestalt, mit rasiertem Kinn, vollen Backen, einem hellroten Schnurrbart, blasser 136