Historische Blaetter 1. (1921)

Alexander Cartellieri: Deutschland und Frankreich im Jahre 1912 nach einer Umfrage des "Figaro" in Deutschland

Deutschland und Frankreich im Jahre 1912 nach einer Umfrage des „Figaro“ in Deutschland von Alexander Cartellieri Für den künftigen Geschichtschreiber des Zeitabschnitts von 1870 bis 1914, der seit dem Weltkrieg abgeschlossen hinter uns zu liegen scheint, wird es neben fortschreitender archivalischer Aktenforschung eine wichtige Aufgabe sein, aus Zeitungen und Büchern den Wandel festzustellen, den die Meinungen der einzelnen Völker voneinander allmählich durchgemacht haben. Bei den Zeitungen sind die äußeren Schwierigkeiten recht groß. Nur an ganz wenigen Stellen findet man sie in größerer Menge gesammelt, und mit den auswärtigen ist es besonders übel bestellt, soweit nicht Kriegsarchive und ähnliche Anstalten ihre Sammlungen nach rückwärts erweitert haben. Leichter geht die Arbeit bei Büchern vonstatten, und deshalb wird man es immer begrüßen, wenn eine Reihe gut unterrichtender Aufsätze in Buchform vereinigt worden ist. Im Sommer des Jahres 1912 entsandte der Pariser »Figaro« einen seine Mitarbeiter, Herrn Georges Bourdon, nach Berlin, um an Ort und Stelle Erkundigungen über das Verhältnis Deutschlands zu Frankreich ein­zuziehen und namentlich auf die Wahrscheinlichkeit oder Möglichkeit eines Krieges zu achten. Den Anlaß zu solch ernster Beurteilung der Lage bot die Agadirspannung, die im November 1911 durch den bekannten Kongo- und Marokkovertrag beigelegt worden war, aber auf beiden Seiten eine starke Gereiztheit hinterlassen hatte. Die Franzosen glaubten fest daran, daß Deutschland den Krieg gewollt habe und noch immer wolle. Das war der entscheidende Punkt, über den sich Bourdon Gewißheit zu verschaffen suchte, und über den er den Lesern des »Figaro« in Aufsätzen Bericht erstattete, die er dann später zu dem vorliegenden Buche1 überarbeitete. Der »Figaro« gilt mit Recht als Beispiel französischer Art und Unart. Das vielgelesene Blatt will immer geistreich und witzig, immer unter­haltend und anregend sein und nimmt darum gelegentlich Beiträge auf, die an und für sich manchem Leser minder willkommen sein könnten, 1 Georges Bourdon. L’énigme allemande. Une enquéte chez les Allemands. Ce qu’ils pénsent. Ce qu’ils veulent. Ce qu’ils peuvent. Deuxiéme édition. Paris, Pion. 1013. III, 479 S. 133

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