Historische Blaetter 1. (1921)

August Fournier †: Die europäische Politik von 1812 bis zum ersten Pariser Frieden

sich andere Ideen, sollten sie auch die meinigen Umstürzen, anschließen könnten1«. Am 19. Oktober war die große Entscheidungsschlacht bei Leipzig von den Verbündeten gewonnen, und Napoleon zog sich mit seiner kläglich zusammengeschmolzenen Armee über den Rhein zurück. Der König von Sachsen, den er mit Hoffnungen auf seine Wiederkehr in der Stadt zurückließ, geriet in preußische Gefangenschaft, und über sein Erbland konnte man nun, wie über das Herzogtum Warschau nach Eroberungs­recht verfügen. Damit erst hatte das russisch-preußische Bündnis mit seinen Geheimartikeln und seiner Erneuerung im Teplitzer Abkommen eine positive Grundlage erhalten und Metternich gewahrte die Gefahr der Übermacht Rußlands wieder in deutlicher Nähe. Nicht daß er die Verstärkung Preußens durch ganz Sachsen, womit es unmittelbar an Österreichs Nordgrenze heranrückte, nicht auch für nachteilig erkannt hätte. Aber sie erschien ihm doch als die geringere Gefahr, während ihn eine Vorherrschaft des barbarischen Ostens, durch die ganz Mittel­europa bedroht würde, unerträglich dünkte. Und insbesondere die Donau­monarchie, die stets auch mit dem Orient zu rechnen hatte, konnte dadurch weit fühlbarer noch bedrängt werden als durch Napoleons machtvollen Ehrgeiz, der am Ende doch nur an die Lebensdauer einer vergänglichen Person geknüpft war2. Die Furcht davor hatte ihn, wie wir wissen und wie er später selbst erzählte, seit Beginn des Jahres nicht verlassen, und jetzt war er entschlossen, zur Abwehr das Mög­lichste vorzukehren. Da erschien ihm als das nächste Mittel, wie schon im Sommer, ein tunlichst rascher Friedensschluß mit Napoleon und unter Bedingungen, die der geschlagene Imperator als annehmbar ansehen konnte*. Dessen Macht sollte zwar noch weiter eingeschränkt, aber doch so stark erhalten werden, um in dem künftigen Gleichgewichtssystem gegen das vergrößerte Rußland einen wirksamen Widerpart zu bilden. Ob damit der österreichische Minister, obgleich er vorzugsweise auf das Interesse seines Landes bedacht war, indem er die russische Gefahr so hoch einschätzte und zu kompensieren wünschte, nicht doch einen weiteren staatsmännischen Blick bekundete als diejenigen, die, wie zum Beispiel Freiherr vom Stein, 1 Humboldt an Qentz, Freyburg, 4. Jänner 1814. (Schriften, XI. 113.) a Wilhelm v. Humboldt hatte schon im November 1812 aus Wien seine Meinung dahin geäußert, Österreich würde immer noch lieber eine Oberherrschaft Frankreichs als eine solche Rußlands ertragen. Gebhardt, W. v. Humboldt als Staatsmann, I. 117. Vgl. Bailleu, Artikel »Metternich« in der »Allgem. deutschen Biographie«. s Hardenbergs Tagebuch zum 22. Oktober 1813: »Metternich will am Rhein Napoleon Friedensvorschläge machen.«

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