Pester Lloyd-Kalender 1861 (Pest, 1861)

Pester Lloyd-Kalender für das Jahr 1861. - Geschichte des Jahres

72 Geschichte des Jahres. hier räumten die Insurgenten die verödete Stadt, je­doch nur, um sich in das Innere zurückzuziehen und in dem nahegelegenen Barcellona ihr Hauptquartier aufzuschlagen. Nicht minder vergeblich blieben die Maßregeln der Strenge, die Salzano in Palermo er­griff. Er verschärfte den Belagerungszustand, verkün­dete das Standrecht, ordnete massenweise Einkerke­rungen nnd Erschießungen von Adeligen und Plebejern an: allein des Ausstandes, der vorläufig- auf den Be­sitz der Stadt verzichtet, ward er dadurch so wenig Herr, daß Ende April die Königlichen sich beinahe in den Ringmauern von Palermo eingeschlossen und be­lagert fanden. Täglich mußten Expeditionskolonnen die Stadt verlassen, um die Insurgenten von den Thoren derselben zu verjagen: immer mißgestimmter über eine Hetzjagd, bei der von einem dauernden Er­folge gar keine Rede war, und nicht immer als Sie­ger kehrten sie von diesen Ausfallen zurück. Den Guerillas dagegen, die sich ungehindert durch Zu­züge aus dem Innern verstärkten, so daß sie bald an mehreren Orten int Westen, zuletzt auch an der Nordküste in Cesalu, von wo sie den Insurgenten in Barcellona die Hand reichen konnten, provisorische Regierungen einsetzten, wuchs mit der Zahl der Muth. Immer schwieriger, immer bedenklicher wur­den die Ausfälle, zu denen Salzano nachgerade die ganze Besatzung verwenden mußte; immer geringer ward die Wirkung derselben; immer nachhaltiger ward der Widerstand, auf den die Neapolitaner stießen, wie sie denn z. B. das benachbarte Carini, nach einem verzweifelten Gemetzel, von Grund aus zerstören mußten, um des Feindes, der sich daselbst festgesetzt, Herr zu werden; immer höher stieg die gegenseitige Erbitterung. Jndeß wenn auch die Königlichen kaum mehr im Stande waren, sich Luft zu schaffen, mochten sie doch mit Fug darauf rechnen, daß den meist schlecht bewaffneten und undiscipli- nirten Meuterern der Athem noch eher ausgehen werde — da vernichtete die Landung G ári­ba l d i's und seiner krieggeübten, gut ausgerüste­ten, selbst mit Geld hinlänglich versehenen Kampf­genossen auch diesen letzten Hoffnungsstrahl. In der Nacht vom 5. ans den 6. Mai war Garibaldi mit einer kleinen Schaar alter Waffengefährten aus dem Hafen von Genua nach Sicilien ausgelaufen: unterwegs landete er auf ein par Stunden zu Tala- mone in Toscana und zu Montalto im Kirchenstaate, um Kohlen und Kriegsbedürfnisse aller Art einzu­nehmen. Nachdem drei Fahrzeuge zu demjenigen, das ihn selber am Bord hatte, gestoßen waren, be­trug die Ziffer dieser ersten Expedition etwa 2000 Mann, die aber eine große Zahl guter Gewehre und 20 Kanonen bei sich geführt haben sollen. Garibal­di's geschickte Manöver, unterstützt von der Verrä- therei und Feigheit der neapolitanischen Kreuzer, so wie von der Zweideutigkeit einer englischen Fregatte, die sich zwischen die beiden Gegner legte, ermöglich­ten die Ausschiffung des kecken Häufleins und des gesammten Materiales, die am 11. ohne den minde­sten Verlust bei Marsala vor sich ging: die königliche Escadre begnügte sich damit, einen Theil von Garibal­di's Fahrzeugen in den Grund zu bohren, nachdem sie ihren vorläufigen Zweck erfüllt hatten. Ein par Tage nun verwendete Garibaldi darauf, die ihm von allen Seiten zuströmenden sicilianischen Insurgenten noth- dürftig zu organisiren: dann brach er über Trapani nach Calatafimi auf, dessen Engpässe den Zugang zu Palermo beherrschen. General Landi, der ihm hier mit einer [torién Kolonne entgegentrat, ward am 17. tüchtig geschlagen; und auf der Flucht nach der Hauptstadt wurden die Ueberreste dieses Corps von den Sicilianern, die sich in ihrem Rücken erhoben, angegriffen und namentlich in Alcamo und Partenico furchtbar zugerichtet, ehe sie wieder zu Salzano und der Hauptarmee stoßen konnten.' In Neapel war der erste Gedanke bei der Nachricht von Garibaldi's Ex­pedition der gewesen, nach einer diplomatischen Stütze zu haschen. Minister Caraffa hatte den Mäch­ten angezeigt: „es sei eine That der auffallendsten Seeräuberei von einer Horde Piraten vollbracht worden, die ganz offen in einem nicht feindlichen Staate unter den Augen der Regierung angeworben, organisirt und bewaffnet wurde." Allein der Vor­wurf bewegte weder England, das seine Theilnahme für Garibaldi nicht verhehlte und sich im übrigen völlig passiv verhielt; noch schreckte er Sardinien aus seiner Ruhe auf, das nach wie vor mit eiserner Stirne behauptete, es sei ihm trotz aller Wachsamkeit unmöglich gewesen, den abenteuerlichen Zug zu ver­hindern ; noch entlockte er Frankreich etwas weiteres, als einen sanften Verweis gegen Piemont. Ja, gleich daraus bekannte Thouvene l, daß die Vertheidigung Cavour's durchaus genüge, um die Turiner Regie­rung von jeder Verantwortlichkeit zu befreien nnd die ganze Schuld ausschließlich auf die Schultern Garibaldi's zu laden. Vom Auslande, das war klar, hatte König Franz nichts zu hoffen: die Westmächte wie Sardinien wiesen nur darum jede Solidarität mit dem General zurück, um nicht gezwungen zu sein, sofort für ihn einzustehen, im Falle ihm ein Unglück widerführe. So dachte man denn an Concessionen. General Lanza ward als Alter ego des Königs mit den unumschränktesten Vollmachten nach Palermo ge­schickt. Er verhieß den Sicilianern gesonderte Ver­waltung und Einrichtung eines eigenen Vicekönig- reiches unter dem Grafen von Trani, dem Halbbruder des Monarchen; Vornahme von Eisenbahnbauten; späterhin sogar die Restaurirung der Constitution von 1812 ; endlich eine Generalamnestie für die Sicilia- ner, während auf Garibaldi's Kopf ein Preis ge­setzt wurde. Kamen die Zugeständnisse, dachte man doch erst jetzt an die Absetzung des verhaßten Manis- calco, viel zu spät, um irgend welchen Eindruck zu machen: so hatten die Versuche, auf obige Weise die

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