Pester Lloyd-Kalender 1860 (Pest, 1860)

Pester Lloyd-Kalender für das Schalt-Jahr 1860 - Geschichte des Jahres

Geschichte des JahreS. 127 ihren Lauf. Seit dem Abschlüsse des Friedens aber stemmt sich in Hannover und anderwärts bereits die heimische Polizei derselben mit solchem Ernste entge­gen, daß ihre Beseitigung Oesterreich kaum noch be­sondere Anstrengungen kosten wird. Indessen hat Graf Rechberg demungeachtet in einer, an den Her­zog von Koburg adressirten Rote unumwunden er­klärt, daß man in Wien diesen nationalen Auf­schwung Deutschlands als einen Versuch, an vertrags­mäßig verbrieften Rechten Oesterrerch's zu rütteln, ansehe. Louis Napoleon seinerseits hatte sich damit begnügt, in dem Tagesbefehle, welcher dem Heere den Abschluß des Friedens verkündete, zu behaupten, der Zweck des Krieges sei erreicht, da Italien zum ersten Male als eine Nationalität anerkannt worden sei. Den Präsidenten der großen Staatskörperschasten, die er am 17. Juli in St. Cloud empfing, führte er dagegen die Furchtbarkeit des Festungsviereckes und die Besorgniß vor einer europäischen Koalition als die Gründe an, aus denen er sich habe erinnern müssen, daß er Frankreich um Italiens willen nicht Opfer ansinnen dürfe, wie man sie nur dann von einem Lande verlangen könne, wenn seine eigene Un­abhängigkeit bedroht sei. Eine bedingungslose G e- neralamnestie für alle Opfer außergesetzlicher Deportationen und Exilirungen, die am 15. August erschien und von dem Erlasse aller der Presse ertheil- ten Verwarungen begleitet war, war der einzige Ge­winnst , den Frankreich's innere Zustände aus den italienischen Siegen zogen. Der Polemik gegen das Preßdekret von 1852 sah die Regierung eine Weile ruhig zu, um sie dann im September für immer durch eine „Moniteur"-Note des Inhalts abzuschnei- den, daß jede Aenderung jenes „organischen Gesetzes" mit den Prinzipien des Imperialismus durchaus un­verträglich sei. In Betreff der auswärtigen Politik jedoch bot die Verwandlung der Präliminarien von Villafranca in einen Definitivfrrieden so große Schwierigkeiten dar, daß heute, volle drei Monde nach der Unterzeichnung jener vorläufigen Stipulationen noch gar nicht abzusehen ist, in welchem Sinne die endliche Regulirung der schwebenden Fragen erfolgen wird. Der Grund für diese Verzögerung ist in der Lage I t a l i e n's zu suchen. Von allen Staaten der Halbinsel war nur Neapel durch die nationale Bewegung nicht bis aufs tiefste durchwühlt worden. Eine Amnestie, die Ferdinand II. noch auf seinem Sterbebette Mitte Januar erlassen, und die sein Sohn Franz II. nach seiner am 22. Mai eingetretenen Thronbesteigung noch weiter ausdehnte, hatte die Westmächte veranlaßt, ihre diplomatischen Beziehun­gen zu dem Königreiche beider Sizilien wieder auf­zunehmen, obschon die polizeiliche Beaufsichtigung der Tausende von Verdächtigen fortdauerte und das neuernannte „liberale" Ministerium Filangieri's, das ohnehin im August bereits wieder entlassen ward, gar nichts weiter durchsetzen konnte, als daß seinem Chef bedeutende Geldsummen ausgezahlt wurden, die, wie der alte General behauptete, der Staat ihm noch aus der napoleonischen Zeit schuldig sei. Dennoch ist die Situation des Königreichs bedenklich, seitdem die Empörung der Schwerzerregimenter dasselbe seine besten Militärkräfte beraubt hat. Auf Andringen der Eidgenossenschaft mußten nemlich von den Fahnen dieser Truppen die Insignien des Bundes und der Kantone entfernt werden, damit das Korps hinfort bloö als eine „Fremdenlegion" gelte. Das führte am 9. Juli in Neapel selber zu einer blutigen Insurrek­tion mehrerer Regimenter, die sich auf dem Marsfelde verschanzten und erst nach wiederholten Kartätschen­salven ergaben. Die Meuterer hatten 70 Todte und 230 Bleffirte; die treugebliebenen Truppen, welche den Angriff unternahmen, zählten 20 Kampfunfähige. Ungeachtet seiner Siege fand Franz II. es gerathen, das Ganze mit dem Schleier der Amnestie zu bedecken und Alle, die ihren Abschied begehrten, nach Hause zu entlassen, was die vollständige Auflösung der Schweizerregimenter zur sofortigen Folge hatte. Im Kirchenstaate hatte der siegreiche Sturm, den Oberst Schmidt mit Schweizertruppen am 21. Juni gegen Perugia ausführte und der den Päpstlichen 51 Todte und 63 Verwundeteren Insurgenten 300 Kampfunfähige kostete, mit Ausnahme Bologna's und der Romagna alle rebellischen Städte zur schleu­nigen Unterwerfung bewogen. Es sei hier gleich er­wähnt, daß die Ereignisse in Neapel und Perugia die eidgenössische Bundesversammlung endlich veran- laßten, im August ein Gesetz zu votiren, welches den Schweizern den Eintritt in fremde Kriegsdienste ohne Erlaubniß ihres Kanton's bei zehnjährigem Verluste der politischen Rechte und 100 bis 1000 Frcs. Geld­buße verbietet. So blieben denn als Quelle künftiger Unruhe nur die L e g a t i o n e n und die Herzog- t h ü m e r übrig. In Florenz, Parma, Modena und Bologna wurden konstituirende Versammlungen ein­berufen, welche, unbekümmert um die Stipulationen von Villafranca, die Entsetzung der alten Regierun­gen und Dynastien, so wie den Anschluß an Piemont votirten; ja sich am 11. August zu Florenz als mittelitalienische Liga konstituirten und dem sardinischen General Fanti das oberste Kom­mando all' ihrer Truppen übertragen, um sie gegen jeden Versuch zur gewaltsamen Herstellung der frü­heren Zustände zu schützen. Graf C a v o u r war freilich augenblicklich nach dem Tage von Villafranca zurückgetreten: vergeblich aber hatte Napoleon ver­sucht, Einen seiner persönlichen Freunde, den Grafen Arese, an dessen Stelle zu bringen. Ratazzi und Lamar- mora wurden die tonangebenden Führer des neuen Kabinetes: und wenn diese auch wenig Lust zeigten, der Suspension der Verfassung ein Ende zu machen, so haben sie doch, trotz aller Warnungen und Zu­rechtweisungen die deshalb von Paris aus an sie er­

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