Pester Lloyd-Kalender 1860 (Pest, 1860)

Pester Lloyd-Kalender für das Schalt-Jahr 1860 - Geschichte des Jahres

Geschichte des Jahres. 125 Wimpffen'schen Armee von Mantua ausgerückt wa­ren. Die ganze Schlachtlinie hatte eine Länge von etwa 4 Stunden. Der Kampf begann im Süden zwischenMedole und Guidizzolo um das Dorf Rebecco, das trotz langen blutigen Ringens weder die, von Canrobert schlecht soutenirten Truppen Niel's, noch die Oesterreicher dauernd zu behaupten vermochten. Im Norden, wo die Piemontesen um 7 Uhr die Schlacht mit einem Angriffe auf Pozzolengo eröffne- ten, trieb Benedeck sie nicht nur zurück, sondern drang ihnen nach und bemächtigte sich der wichtigen Höhen von San Martino, die ihm selbst die zur Hilfe der Sardinier herbeieilenden Franzosen nicht mehr ent­reißen konnten. Allein die Entscheidung des Tages lag im Centrum bei Solferino, dem vorspringenden Punkte der Courve welche die österreichische Aufstel­lung bildete. Gelang es den Alliirten, hier die Schlachtordnung des Gegners zu durchbrechen, so mußten die beiden Flügel sich zurückziehen, um nicht vom Mincio abgeschnitten zu werden. Bis um 11 Uhr konnten die Franzosen, obschon Marschall Ba- raguay d'Hillierö sie zuletzt persönlich zum Sturm gegen die Höhen von Solferino führte, wider diese furchtbare Position nichts ausrichten. Als aber nun­mehr Napoleon, ohne Rücksicht ans das Schicksal sei­ner Flanken, Verstärkungen über Verstärkungen an sich zog, ward Solferino erobert und, nachdem die Oesterreicher es zweimal in entsetzlich blutigem Kampfe wiedergenommen, nach einem dritten gelungenen Sturme endlich definitiv vom Feinde behauptet. Jetzt brach noch überdies ein schreckliches Ungewitter los: während desselben gingen die Oesterreicher, bis Ca- vriana zurück, wo gegen Abend jede Verfolgung aufhörte; und den beiden Flügeln ward Befehl zur Einstellung der Feindseligkeiten gegeben. Bis nach zehn Uhr blieben die Oesterreiche fast in denselben Stellungen, die sie am Morgen eingenommen: nördlich in Pozzolengo, dann auf den Höhen hinter Cavriana, südwärts in Guidizzolo — am 25. er­folgte mit Tagesanbruch der Rückzug über den Min­cio in bester Ordnung. Die österreichischen Verluste beliefen sich auf 286 todte und 453 verwundete Offiziere, auf 2184 todte und 9437 verwundete Soldaten — inclusive der Vermißten sprach man von einem Gesammtverluste von 17000 Mann. Die Franzosen hatten unter 720 kampfunfähigen Offi­zieren 150 todte, und 12000 kampfunfähige Solda­ten ; die Sardinier 49 todte, 167 verwundete Offi­ziere, und 642 getödtete, 3405 verwundete, 1258 gefangene Soldaten — 30 österreichische Geschütze und 4 Fahnen waren in die Hände des Feindes ge­fallen. Am 28. überschritten die Verbündeten den Mincio, wo zwei Tage später das Korps des Prinzen Napoleon zu ihnen stieß und die Piemontesen alsbald Anstalten zur Belagerung Peschiera's trafen. Auch mit den Operationen zur See schien es nunmehr Trust werden zu sollen. Seit dem 12. Mai lag ein französisches Geschwader vor Venedig: nach Ankunft des Admirals Bouet-Villaumez war man zur Occupirung des türkischen Hafens Antivari ge­schritten, wo sich allmalig eine Flotte von 42 großen Fahrzeugen und 10 schwimmenden Batterien sam­melte, zu der 6 sardinische Kriegsdampfer, darunter 2 Fregatten stießen; und am 4. Juli landeten 10,000 Franzosen im quarnerischcn Golf auf der Insel L u s s i n Piccolo. Da machte Napoleon unerwartet das Anerbieten eines Waffenstill­standes bis ZUM 15. August, den Kaiser Franz Joseph bewilligte und dessen nähere Bedingungen am 8. Juli zwischen dem FZM. Heß und dem Mar­schall Vaillant vereinbart wurden. Am 11. fand die Zusammenkunft der beiden Kaiser in Villa franca statt, zu der Se. Apostol. Maj. sich gleichfalls auf Bitten seines Gegners entschlos­sen; und schon am 12. wurden, ohne Zuziehung Viktor Emanuel's folgende Friedensprälimi­narien unterzeichnet: Oesterreich tritt die Lombardei, im Norden bis zum Mincio, im Süden bis Borgoforte am Po, so daß ihm das ganze Festungs­viereck verbleibt, an Napoleon ab, der sie an Piemont giebt; die vertriebenen Herzoge kehren mit einer Am­nestie und zeitgemäßen Reformen nach Florenz und Modena zurück; alle italienischen Länder bilden einen Staatenbund, dessen Vorsitz der Papst über­nimmt und dem sich Venetien unter österreichischer Herrschaft anschließt. Fragen wir nach den Motiven dieses über­raschenden Ausganges, so sind dieselben zunächst wohl in der Haltung Preußens zu suchen, welche Oesterreich überzeugen mußte, daß es von dorther nur unter der Bedingung auf aktive Unterstützung zu rechnen habe, wenn es sich dazu herbeilasse, die faktische Hegemonie in Deutschland der Berliner Negierung zu cedkren. Am 3. Juli war Fürst Windischgrätz in Berlin eingetroffen, um Preußen vorwärts zu treiben. Wirklich beantragte Herr v. Usedom denn auch schon am 4. in Frank­furt die Mobilisirung des 9. und 10. Bundeskorps und stellte die Mobilisirung der drei restirenden preußischen Korzrs in nächste Aussicht. Zugleich aber verlangte er nicht nur, daß, wie das 7. und 8. Bnndeskorps der bairischen, so das 9. und 10. der preußischen Führung untergeordnet werde; sondern auch daß man Preußen als solchem die gesammte po­litische und militärische Oberleitung übertrage. Diesen Schlag parirte Baron Kübeck am 7. durch die Gegenproposition, der Bundestag selber solle den Prinzregenten zum Bundeschefkommandanten ernennen: aber der bloße Gedanke, das Staatsober­haupt Preußens in einen „verantwortlichen Bundes- beamten" verwandelt zu sehen, ward von ven offiziö­sen Berliner Blättern mit wahrer Entrüstung abge­wiesen — „dem Staate Preußen als nt t o- pgisch er Großmacht, deren Interessen mit denen

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