Der Pesther Stadt- und Landbothe für das Königreich Ungarn 1842 (Pesth)

26 L. Meister Pilgram. Wenn man von der Sekte des Riesenthores oder Haupteinganges der Kirche an der linken Seitenwand bis ungefähr in die Mitte des Schiffes kommt, so zeigt sich ein äußerst künstlicher, aus einer steiner­nen Knospe entwickelter, von unten nach oben sich ausbrek- tender Blumenkelch, welcher, oben mit leichten zierlichen Spitzbogen umrandet, einst als Chor eine Orgel trug. Daran erblickt man unten eines Mannes Bild, altergrau, ja ge­schwärzt, aus einer Fensteröffnung hervorgelegt, das hält ln der Rechten einen Zirkel, in der Linken ein Winkelmaß. Buschige Haare überwallen Haupt und Rücken, und erstere deckt ein altdeutsches Baret. Der Hals ist blos und offen, das Oberkleid zeigt Bauschärmel, das Untergewand ist an der Brust mit Riemen zugescbnürt. Das Gesicht ist bartlos, mager und hager, zeigt lebenvotle, starke Züge, hervor­ragende Backenknochen, eingefallene Wangen und breites Kinn. Darunter die Buchstaben M. A. P. . Dieses Bild stellt den Meister Anton Pilgram dar, den Schöpfer dieses kunstvollen Ocgelchors, der prachtvollen und über alle Maßen kunstreichen steinernen Kanzel und — des weltberühmten Stephansthurmes.*) Zum Thurme wurde zwar bereits km Jahre 1360 durch Herzog Rudolph der Grund gelegt, aber den Hochbau be­gann und setzte Meister Pilgram von 1407 an fort, und vollendete ihn 1433, Eine alte Chronik sagt aus, daß bis zu 1407 kein be­hauener Stein an und in dem Thurme sek, der nicht an Werth und Arbeit einen Dukaten halte, und daß bis zu jener Zeit bereits am Thurme allein mehr als vierundvierzkgtaufend Gulden verbaut worden. Der Tagelvhn für einen Steinmetzen war 5 Pfennige, für die übrigen Werkleute und Handlanger nur 3 Pfennige. Hoch oben unter der Spitze des kunstreich durchbroche­nen Münsterthurmes brachte Meister Pilgram an den vier Ecken Hirschgeweihe an, und nicht weit davon abwärts eine in Stein gehauene Viehweide, zum Wahrzeichen, daß vor Alters in dieser Gegend nur Wald und Weide gewesen sek. Von diesen Zeichen soll der Gebrauch stammen, daß man alljährlich, zur Zeit des Kirchweihfestes, an die Fahnen, welche ar den vker Ecken des Thurines aufgesteckt wurden, Vkehschetten hing, die harmonisch im Winde tönten. Der Thurm hatte sich seit undenklicher Zeit an der Spitze merklich nordwärts geneigt, so daß die Abweichung von der senkrechten Linke über 3 Schuhe betrug. Da nun doch zu besorgen stand, daß die Spitze bei einer etwaigen Erderschütterung einstürzen und großes Unheil verursachen könnte, ward sie im Jahre 1840 abgetragen, um sie ent­weder auS Steinen oder Gußeisen neu aufzubauen. — Die Sage unter dem Volke geht, daß sich die Beugung der Thurm- spitze von der ersten Belagerung Wiens her datire. *) Neuere Forschungen vindiciren diese- Bild am Chor und Kanrel dem Meister Buchsbaum. Wir folgen hier den Angaben Primiffers, v. Hormayrs und dem Werke: Neueste Geschichten und Be­schreibungen der merkwürdigsten Gotteshäuser, Stifte und Klö­ster, Wallfahrtskirchen, Gnadenörter, Calvarienberge.Grabmäler und Gottesäcker in der österreichischen Monarchie h. Brünn, 1821. In der Nähe des großen und kunstreichen Uhrwerkes ist ein kleines Stübchen für die Feuerwächtcr und vor dem­selben so viel Raum, daß man darauf bequem Kegel schieben kann, was sonst für eine gar große Merkwürdigkeit des Stephansthurmes erachtet wurde. 3. Der vom Münster gestürzte Lehrling. An des Münsters Ostseite erblickt man den u n a u s g e b a u t e n Thurm, der an Kunst und Zierlichkeit der Sculpturen, die verschwenderisch an ihm angebracht sind: den ausge- bauten Thurm noch übertrifft. So geht nun die Gage: Als Meister Pilgram den großen Thurm gebaut hatte, be­thörte ihn der Stolz über alle Maßen, und er vermaß sich hoch, daß Keiner es ihm nachthun könne. Da wettete der Lehrbub, daß er den zweiten Bau noch schöner aufführen wolle, und der Meister nahm die Wette an. Der Lehrling baute nun rüstig und guten Muthes, brachte auch den Thurm bis zu einer gewissen Höhe, und alle Welt bewunderte den erfindungsreichen Fleiß des Jünglings: darüber erweckte der böse Feind Groll und Neid im Herzen des Meisters und das Gift der Eifersucht; denn der Meister sah gar wohl, daß der Lehrling ihn übertreffen werde. Und Meister Pilgram legte dem treuen und fleißigen Gesellen Buchsbaum eine Falle auf dem Gerüst; darauf ist dieser unversehens getreten und hat sich zu Tode gestürzt. A ls Wahrzeichen dieser so untreuen That zeigt man außen an der Kirche überm Portal des Riesenthores unta andern abenteuerlichen Gestalten die Steinfigur eines Men­schen, der seinen Fuß auf dem Knie eines andern aufstemmt. 4. Neidhardt Fuchs, der Bauernfeind. Ge­genüber den Häuserfronten des Stockameisenplahes ist links neben einem Eingänge in den Münster &a& steinerne Grab­mal eines fränkischen Ritters Otto Fuchs, genannt Neid­hardt, ersichtlich. Dieser Ritter war wegen seiner Scherze Hastigkeit und seines fröhlichen Wesens gar sehr beliebt bei dem Herzog Otto von Oesterreich, und war des Fürsten lustiger Rath. Er vexirte mannigfach die Bauern und tut« birte sie auch bisweilen über die Maßen. Nun war es damals Hof- und Landsttte, daß, wer zu­erst zur schönen Frühlingszeit ein Veilchen fand, den Ort sich heimlich merkte, wo das Veilchen blühte, und schnell dovon den Freunden Nachricht gab. Dann zog des Hofeö oder der Dörfer scherzfreudige Jugend mit Sang und Klang hinaus zu dem Orte und grüßte durch Tanz und Becherlust den freudenbringenden Frühling. So fand nun eines Märztages Herr Neidhart das erste Veilchen, deckte es sorgsam mit seinem Hute und eilte nach Hofe, des Fundes frohe Mähr kund zu thun. Siehe, da trat aus dem Gehölz ein Bäuerlein, dem Ritter Otto oft Schimpf angethan, nahm den Hut, pflückte Pas Veilchen, setzte ein ganz anderes übelriechendes hin, deckte den Hut darauf und schlich hinweg. Nicht lange, so kamen auS der Stadt Wien die fröh­lichen Junggesellen, an ihrer Spitze der Herzog und Ritter Fuchs, zogen um den Hut den üblichen Reigen, und Einer deckte den Schatz auf, welcher darunter lag. Gelächter mischte sich mit Ausrufen des Unwillens; Alle glaubten,

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