Folia archeologica 26.
Die Ausgrabungen des ungarischen Nationalmuseums im Jahre - Miklós Héjj: Ausgrabungsbericht über die Erschließung des königlichen Wohnpalastes zu Visegrád — Nord-und Donauflügelsektor
192 M. HÉJJ Das heutige Wohngebäude unter Fő u. 25 war einst der Getreidespeicher. Der Zehentkeller war der südliche große Keller des Palastes, der auch heute noch der den monumentalsten Raumeffekt aufweisende Gebäudetrakt des unter Freilegung stehenden Königspalastes ist. Das eingeschossige Speichergebäude wurde um 1880 vom Feuer zerstört und erhielt seine heutige Form nach dem Neubau. Das Gebäude schließt sich dem Grundriß nach organisch der Saalflucht des unter Freilegung stehenden nördlichen Gebäudeflügels an. Aufgrund der an den westlichen und nördlichen Fassaden des Gebäudes durchgeführten Mauerforschungen wurde nachgewiesen, daß das aufgehende Mauerwerk sämtlicher Fassaden bis zur Höhe des dritten Geschosses aus mittelalterlichen Resten besteht. An den erforschten Oberflächen haben wir in bedeutendem Maße auch die Wandverputzschichten aus dem 14—15. Jahrhundert freigelegt (Abb. 1 ). An der Nordfassade — an der Unteren Burg zu blickenden Seite — gab es keine Fenster. Die Türen führten zu den Aborten, die über in die Erde eingetiefte, gewölbte Abwasserkanäle und aus Ziegel gemauerte Schlammkasten verfügten. Bei der Erschließung des einen Schachtes sind folgende erwähnenswerte Funde zum Vorschein gekommen: Münzen aus der Sigismundzeit, gläsernes Parfümflakon und die eine grünglasierte Kachel vom sog. „Ofen mit Rittergestalt". Im Laufe der Forschung haben wir das Niveau des sich der nördlichen Fassade anschließenden äußeren Hofes bestimmt. Auch hier haben sich unsere früheren Annahmen gerechtfertigt, wonach der im Gebäude auch heute noch vorhandene, aus zwei Abteilen bestehende, zur Zeit von 5 Pfeilern getragene gewölbte Keller, im 14—15. Jahrhundert als ein Raum des damaligen Erdgeschosses gedient hat. Die drei Pfeiler des Gewölbes und das rippenlose Kreuzgewölbe scheint mittelalterlich zu sein, jedoch benötigt die genauere Bestimmung seiner Bauzeit noch weitere Forschungen. Ein Abschnitt des Gewölbes von einer etwa 120 m 2 großen Grundfläche wurde, wahrscheinlich noch zur Zeit der letzten großen Bauarbeiten der 1880er Jahre abgerissen. Auch sämtliche Zwischenmauern im Inneren des Gebäudeflügels hat man zu dieser Zeit erbaut. Die Mauerforschungen im einstigen ersten Geschoß, in den Wohnräumen zeigen die Auflagestellen der mit einer Holzkonstruktion, mit Meisterbalken gebauten Decke des zweiten Stockes und an der Südfassade die Stelle der Öffnungen eines eingemauerten Einganges und Fensters. An der Westfassade sind keine mittelalterlichen Fensteröffnungen zum Vorschein gekommen, weil sie beim Bau der späteren großen Fenster zugrunde gegangen sind. Die wichtigsten Funde bezüglich der Baugeschichte des Gebäudeflügels und des ganzen Wohnpalastes sind an der Donaufront der westlichen Fassade ans Tageslicht gekommen. Unter dem Gehniveau der Straße, in einer Tiefe von 260 cm haben wir das Niveau des sich dem Palast anschließenden Weges aus dem 15. Jahrhundert erschlossen. In der Achse des Nordflügels des Palastes haben wir in der Mitte der Fassade die Reste eines mit Baldachin versehenen Quellbrunnens in situ erschlossen. Die halbbogenförmige Schüssel des Quellbrunnens wird von einem von sechs Seiten des Achteckes gebildeten geschlossenen Sockel getragen. Die architektonischen Zierelemente wurden aus Visegráder Andesitstein gefertigt und die Sockel, Kapitelle, Fragmente des Baldachins zeigen eine enge Verbindung mit dem Kreise der Meister des aus den Prachthöfen des Palastes bekannten Anjou-Wandbrunnens und -Brunnenhauses. Die Entstehungszeit des Brunnens können wir mit den Jahren 1350—70 bestimmen.