Evangélikus Élet, 2012. július-december (77. évfolyam, 26-52. szám)

2012-11-04 / 44. szám

6 <41 2012. november 4. NÉMET OLDAL Evangélikus Élet iá ts e h e A Müntzers letzte Schlacht Vor 25 Jahren beendete Werner Tübke sein Monumentalgemälde im Panorama-Museum in Bad Frankenhausen ^ Er sticht heraus. In schwarz gekleidet, die Fahne gesenkt, weiß Tho­mas Müntzer, dass der Kampf verloren ist. Aus dem Held ist ein mü­der, ein gebrochener Mann geworden. Schlachtberg heißt der Ort heu­te, in Erinnerung an dieses Gemetzel vom 15. Mai 1525 im thüringischen Frankenhausen, einer der größten Schlachten des Deutschen Bauern­krieges, die mit einer gnadenlosen Niederlage der Aufständischen en­dete und dem Theologen und Bauernführer seinen Kopf kosten soll­te. 450 Jahre später machte sich der Leipziger Maler Werner Tübke dar­an, die Geschehnisse der damaligen Zeit auf Leinwand zu bannen. Mit einer Fläche von 1722 Quadrat­metern zählt das Monumentalgemäl­de „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland“ heute zu den größten Tafelbildern der Welt. 3000 Figuren sind darauf abgebildet, die größten messen über drei Meter. Am 16. Oktober vor 25 Jahren schloss Tüb­ke die mehr als zehnjährige Arbeit mit seiner Signatur offiziell ab. Hoch über der heutigen Kurstadt Bad Frankenhausen, auf dem Schlachtberg, thront heute das Pan­orama-Museum. Es wurde eigens für das Monumentalbild errichtet. Unter den Einheimischen wird es aufgrund seiner Architektur auch „Elefantenklo“ genannt. 1976 hatte der damals bereits in­ternational bekannte Leipziger Ma­ler, Grafiker und Akademieprofessor Werner Tübke den Auftrag erhalten, für das Frankenhäuser Panorama- Gebäude ein in den Dimensionen na­hezu einmaliges Bildwerk zu schaf­fen, das den Epochenumbruch in der Zeit des Bauernkrieges zum Inhalt haben sollte. Als Tübke den Vertrag mit dem Ministerium für Kultur der DDR Unterzeichnete, waren die ersten Bauarbeiten auf dem Schlachtberg bereits abgeschlossen. Am 8. Mai 1974 wurde der Grundstein für den Rundbau, dem späteren Saal für das Panorama-Gemälde, gelegt. Bereits im folgenden Jahr waren der Rundbau und der darunter lie­gende vorgezogene Eingangstrakt bautechnisch fertiggestellt. Entgegen den Intentionen der Auftraggeber, dem Kultusministeri­um der DDR, schuf Tübke das Abbild einer ganzen Epoche, der Renais­sance, das in der Literatur häufig mit „teátrum mundi“ (Welttheater) um­schrieben wird. Er beschränkte sich dabei keines­wegs auf eine zeitlich oder räumlich genau bestimmbare Momentauf­nahme, geschweige denn die ge­treue Wiedergabe realer historischer Ereignisse, noch auf die schwer­punktmäßige Betonung einzelner Aspekte. Neben den durchaus auch auftre­tenden historischen Figuren wie Müntzer und Luther hat der Maler eine Vielzahl allegorischer Anspie­lungen auf Ereignisse - auch ande­rer Epochen -, vor allem aber auf ur­eigene menschliche Ängste, auf Aberglauben, apokalyptische Vorstel­lungen und biblische Themen in seiner gewaltigen suggestiven Bilder­sprache visualisiert. Daneben nahm er zahlreiche An­leihen bei zeitgenössischen Gemäl­den und Holzschnitten. Außerdem hat er sich selbst an einigen Stellen verewigt und damit den Entste­hungsprozess seines Werkes doku­mentiert. Das Zentrum der Darstellung - den Ausschnitt, der bei den meisten Abbildungen des Gemäldes wieder­gegeben wird - bildet das Panorama der Schlacht von Frankenhausen selbst, mit Thomas Müntzer im Mit­telpunkt. Während rings um Münt­zer noch die Kämpfe toben, hält dieser die Flagge der Bundschuh-Be­wegung bereits gesenkt - er weiß, dass seine Sache verloren ist. Der Theologe Thomas Müntzer (1489-1525) war in Thüringen die wichtigste Identifikationsfigur im Deutschen Bauernkrieg. Müntzer war als Priester zunächst ein enga­gierter Anhänger und Bewunderer Martin Luthers. Allerdings richtete sich sein Wi­derstand nicht nur gegen die vom Papsttum beherrschte geisüiche Ob­rigkeit, sondern auch gegen die stän­disch geprägte weltliche Ordnung. Vom Reformator wan­delte er sich alsbald zum Revolutionär, der für die gewaltsame Befreiung der Bauern eintrat. Am 15. Mai 1525 wur­de er nach der Schlacht bei Frankenhausen, die in einer völligen Nieder­lage der von Müntzer zusammengerufenen Bauernhaufen endete, gefangen genommen und in der nahe gelege­nen Festung Heldrun­gen gefoltert. Die Wasserburg Hel­drungen ist heute eine Jugendherberge. Der so genannte „Müntzer­turm" erinnert noch heu­te an den legendären Bauernführer. Dort eingekerkert, schrieb er seinen Abschiedsbrief an die Aufständischen, die er dabei zur Einstellung des weiteren Blutver­gießens aufrief. Sein eigener Kampf indes war verloren: Am 27. Mai wurde er vor den Toren der Stadt Mühlhausen enthauptet, sein Leib aufgespießt, sein Kopf auf einen Pfahl gesteckt. In der DDR wurde Müntzer im Nachgang der Ulbricht-Jahre zum bedeutendsten Frührevolutionär Deutschlands stilisiert, die Bau­ernaufstände des frühen 16.Jahr­hunderts zum Teil einer „frühbürger­lichen Revolution" erhoben, die den Übergang vom Feudalismus zum Frühkapitalismus einleitete. Die Ver­ehrung Thomas Müntzers drückte sich auch darin aus, dass er ab 1975 auf der 5-Mark-Banknote der DDR zu sehen war. Wer in der Heldenverehrung nicht mitspielen wollte, war indes Werner Tübke. Der nahm den Auftrag nach einiger Bedenkzeit zwar an, stellte aber unmissverständliche Bedin­gungen. Dazu gehörte unter anderem die komplette künstlerische Frei­heit. Dadurch entstand das Gemäl­de nicht im „offiziellen“ Stil des so­zialistischen Realismus, sondern in dem von Tübke gepflegten magi­schen Realismus. Im Jahre 1976 ließ sich der Maler als Rektor der Leipziger Kunsthoch­schule beurlauben und begann, par­allel zum intensiven Quellenstudium der Renaissancezeit, erste Skizzen und kleinere Bilder als Entwürfe an­zufertigen. Nach dieser längeren Vorberei­­tungs- und Einarbeitungsphase ent­stand dann von 1979 bis 1981 eine i:io-Entwurfsfassung, die von 1983 bis zum Abschluss 1987 mit nur we­nigen Ausnahmen punktgenau auf die originalgroße Leinwand übertra­gen wurde. Anfang des Jahres 1984 begannen die ersten Mitarbeiter, die Ausfüh­rungen im Bildsaal zu unterstützen. Für den Rundbild-Auftrag hatte Tüb­ke eine Werkstatt gegründet. Von den 15 Mitarbeiter, Absolventen der Hochschule für Grafik und Buch­kunst Leipzig, arbeiteten einige nur wenige Wochen hier, andere Jahre. Nur acht waren direkt am Monu­mentalbild. Tübke selbst musste die Arbeiten zeitweilig unterbrechen und Eber­hard Lenk, der in den folgenden Jahren zum engsten und wichtigsten Mitarbeiter avancierte, die Ausfüh­rung überlassen, weil die Überan­strengung einen Muskelriss im Dau­men hervorgerufen hatte. Am 11. September 1987 schloss Tübke vor den Fernsehkameras sym­bolisch mit dem letzten Pinselstrich die Arbeit ab und am 16. Oktober 1987 signierte er sein Werk. „Es ist vollbracht“, sagte er in weißem Kittel, Hemd und Krawatte. Vier Jahre hatten die Arbeiten im großen Rund insgesamt gedauert. Offiziell eröffnet wurde das Pan­oramabild dann am 14. September 1989. Fast 2,5 Millionen Menschen ha­ben seitdem das Panorama-Museum besucht, jährlich kommen etwa 120.000 Gäste auf den Schlachtberg von Bad Frankenhausen. Und die Besucher des Panorama- Museums können neben dem Monu­mentalgemälde von Werner Tübke dreimal jährlich wechselnde Son­derausstellungen besuchen. So wur­de vor wenigen Tagen die Ausstellung „Dopo de Chirico" eröffnet, die bis zum 3. September 2013 besucht wer­den kann. Hinter diesem Schlag­wort verbergen sich metaphysische Werke, die maßgeblich auf Giorgio de Chirico zurückgehen und als bedeu­tender Beitrag Italiens zur modernen Kunst gelten. So setzt das Panorama- Museum neben dem Werk Tübkes immer auch künstlerische Vielseitig­keit. Bad Frankenhausen ist in jedem Fall eine Reise wert. ■ Sebastian Garthoff Bildhinweis zu den hier abgedruckten Aufnahmen: Werner Tübke Frühbürgerliche Revolution in Deutschland, 1983-87 Öl auf Leinwand, 14 x 123 m- Ausschnitt: Fisch vor dem Turm zu Babel- Ausschnitt: Die Schlacht Panorama Museum Bad Frankenhausen \copyright\ VG Bild-Kunst Bonn, 2012 Literaturhinweis: Gerd Lindner: Vision und Wirklichkeit. Das Frankenhausener Geschichts­panorama von Werner Tübke. Panorama Museum, Bad Frankenhausen, 2. Auflage 2009. Weitere Informationen: www.panorama-museum.de

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