Evangélikus Élet, 2012. január-június (77. évfolyam, 1-25. szám)
2012-04-08 / 14. szám
6 <41 2012. április 8. NÉMET OLDAL Evangélikus Élet Die Evangelischen in Österreich und ihre Geschichte Leben am innerdeutschen Todesstreifen „Evangelisch in Österreich“: Nicht nur manchem Nicht-Österreicher mutet diese Kombination exotisch an, gilt Österreich doch gemeinhin als Klösterreich, über dessen barockkatholischen Gaue Maria als Magna Mater Austriae von Mariazell aus wacht. Evangelisch in Österreich - das sind nicht nur neuösterreichische Migranten oder evangelische Vertriebene und deren Nachkommen. Vielmehr sind damit auch evangelische Österreicher gemeint, deren Vorfahren sich zum Teil lange vor dem „Toleranzpatent“ Josephs II. im Jahr 1781 zur Reformation bekannten. Lange bevor Österreich zum „Hort des Katholizismus" erklärt wurde. Wer verstehen will, was „evangelisch in Österreich“ bedeutet, kann sich um einen Einblick in den österreichischen Protestantismus der Gegenwart bemühen. Er muss aber auch in die Geschichte blicken. Wer selbst evangelisch in Österreich ist und sich über sich selbst aufklären will, wird dies nicht minder tun. Er wird dabei kaum an der österreichischen Reformationsgeschichte, vor allem dem Geheimprotestantismus und dem Toleranzpatent vorübergehen. Evangelische in Österreich sehen sich - wie viele andere Minderheiten auch - verstärkt dazu herausgefordert, ihre Identität zu bedenken, um sich ihrer selbst zu vergewissern. Dies ist auch wichtig, um sich gegenüber der nichtevangelischen Mehrheit zu profilieren. Auffällig ist, dass die Kirchengeschichte, das heißt vor allem: die österreichische Reformationsgeschichte und die Geschichte des Geheimprotestantismus, für die Identität vieler Evangelischer in Österreich in der Gegenwart von herausragender Bedeutung ist. Das Besondere am Umgang vieler Evangelischer in Österreich mit Kirchengeschichte in Predigt, Religionsunterricht und Theologie ist Folgendes: Angesichts der klischeehaften Gleichsetzungen von „österreichisch“ und „katholisch“ sowie von „evangelisch“ und „deutsch“ weist man eine spezifisch österreichisch-evangelische Identität schon in der Geschichte nach und unterstreicht diese besonders. Bestimmte Passagen der Geschichte des Protestantismus in Österreich werden deshalb in verhältnismäßig großem Umfang immer wieder zur Selbstvergewisserung vergegenwärtigt. Blickt man etwa auf die Themenstellungen theologischer Abschlussarbeiten an der Wiener Fakultät, so fällt die Beliebtheit derjenigen Themen ins Auge, die für eben diese geschichtliche Selbstvergewisserung am besten geeignet scheinen. Zuallererst ist hier der Geheimprotestantismus zu nennen. Salopp gesagt geht es beim Umgang Evangelischer in Österreich mit Geschichte also oft um mehr, als nur zu verstehen, wie sich der österreichische Protestantismus in der Geschichte zu seiner heutigen Gestalt entwickelt hat. Es geht nicht nur darum, die regionalen Spezifika und allgemein den geschichtlichen Zusammenhang zu kennen, in dem man heute selbst steht. Sondern der stete Rückgriff auf bestimmte Passagen der österreichischen Protestantismusgeschichte hat die Funktion, die Stiftung und Bestärkung der Identität „österreichisch-evangelisch“ nach innen und außen zu leisten, welche aufgrund der Minderheitssituation erforderlich ist. Vor allem die frühe und darauf folgende Phase der Protestantismusgeschichte hält die „stories“ bereit, die die Zusammengehörigkeit von „evangelisch“ und „österreichisch“ zu erweisen vermögen. Versteht man den Umgang Evangelischer in Österreich mit Geschichte in dieser Weise, so erscheint der oft zu vernehmende ausgiebige Verweis auf die Blüte des österreichischen Protestantismus in seinen ersten hundert Jahren als Beweis für die tiefe Möglichkeit der Kombination von „evangelisch“ und „Österreich“. Die Betonung der Kräftigkeit der in sich vielgestaltigen österreichischen Reformation kann als Beweisführung gegen katholische Exklusivansprüche auf Österreich und gegenreformatorische Geschichtsbilder gelesen werden. Letztendlich kann sich so die Kombination „evangelisch“ und „österreichisch“ als ursprünglicher erweisen als der durch die Gegenreformation geprägte österreichische Katholizismus. Ein weiterer identitätsstiftender Faktor ist der viel behandelte Geheimprotestantismus. Mit „Geheimprotestantismus“ bezeichnet man die generell verbotene, bisweilen mit Ausweisung bestrafte Pflege evangelischer Gesinnung in verschiedenen Gebieten des heutigen Österreich, vor allem in den 150 Jahren vor dem Toleranzpatent von 1781. Nach außen waren die Gebiete katholisch-monokonfessionell, so dass der Protestantismus geheim, zum Teil von beträchtlich vielen evangelisch Gesinnten praktiziert wurde, die aber „offiziell“ katholisch blieben. Der Geheimprotestantismus bietet einerseits Anlass für zahlreiche mikrohistorische Studien. Andererseits stellt er wichtige Elemente wie Erzählungen oder auch Bildmaterial für die evangelisch-österreichische Identitätsbildung in Religionsunterricht und Predigt bereit. Wichtig ist, dass er den Evangelischen in Österreich grundsätzlich eine geschichtliche Kontinuitätslinie von den Anfängen der Reformation in Österreich bis hin zum Toleranzpatent von 1781 ermöglicht. Dadurch erbringt man den Beleg dafür, dass sich Evangelisches immer schon in Österreich befand. Gegenüber der Gleichsetzung von „evangelisch" und „deutsch“ wird so bewiesen, dass es sich beim österreichischen Protestantismus nicht um eine Wiedereinführung durch (deutsche) Migration handelt, sondern um etwas „genuin" Österreichisches. ■ Patrick Leistner Als Deutschland und ganz Europa in West und Ost geteilt wurde, setzte der Anfang vom Ende für Billmuthausen ein. Die DDR-Regierung wollte wegen derEluchtgefahr keine Orte haben, die zu nahe an der Grenze liegen. Als in den 1970er Jahren die Grenzanlagen zwischen Thüringen und Franken weiter verschärft und ausgebaut wurden, lag Billmuthausen nicht mehr nur im Grenzbereich, sondern im 500- Meter-Schutzstreifen. Der Beschluss war klar: Billmuthausen liegt zu nah an der Grenze und muss weg - offiziell mit der zynischen Begründung, durch diese Maßnahme einen Hektar landwirtschaftlich nutzbare Fläche zu gewinnen. Eine kleine Rückblende: Im 14. Jahrhundert wurde Billmuthausen erstmals urkundlich erwähnt. Es blieb über die Jahrhunderte hinweg ein kleines Dorf mit etwa 50 Einwohnern und eigenem Charakter. Im Lauf der Jahrhunderte entstand dort ein prächtiges Gutshaus, eine kleine Mühle am Bach, eine - übrigens evangelisch-lutherische - Kirche mit Friedhof. Und natürlich ein paar normale Wohnhäuser, ringsum Wiesen, Wald und ein See. Ein kleines Dorf, wie so viele andere. Doch zu DDR-Zeiten kämpften die Bewohner von Billmuthausen einen Kampf um ihr Dorf, den sie nur verlieren konnten. Jeden Abend um 19 Uhr kam ein Wachmann zu jedem Haus und kontrollierte, wie viele Personen im Haus anwesend sind und sperrte dann die Tür von außen ab. Damit sollte erreicht werden, dass die Billmuthausener weder selbst fliehen noch zur letzten Station für Flüchtlinge aus dem Landesinneren werden. 1978 verließ die letzte Familie den Ort. Billmuthausen wurde dem Erdboden gleich gemacht. Einen kleinen „Sieg“ konnten die Einwohner noch davon tragen: Sie wehrten sich erfolgreich gegen die Exhumierung ihrer Verstorbenen. Damit ist der Friedhof geblieben. Und er ist bis auf den heutigen Tag das letzte Zeugnis von Billmuthausen. Unlängst stand ich da - in Billmuthausen. Gräber als letzte Zeugen einer Geschichte. Die Namen auf den Gräbern stehen dafür, dass hinter der Geschichte immer auch Menschen stehen. Sie haben das Ende ihres Heimatdorfes sicherlich kommen sehen und haben es doch nicht mehr erlebt. Ringsum Wiesen, wo einst Häuser standen und Menschen zu Hause waren. Fotos in einer kleinen Gedenkkappelle, die inzwischen auf diesem Friedhof errichtet wurde, bieten den Vergleich. Billmuthausen damals - mit Häusern und Leben. Und aus derselben Perspektive aufgenommen, Billmuthausen heute - keine Häuser, nur noch ein Friedhof. Und bei Josua heißt es: Ihr sollt wissen von ganzem Herzen und von ganzer Seele, dass nichts dahingefallen ist von all den guten Worten, die der HERR, euer Gott, euch verkündigt hat. Es ist alles gekommen und nichts dahingefallen. Ich stehe in Billmuthausen und will Josua korrigieren: Es ist nicht so gekommen. Und es ist alles dahingefallen. Ich fahre über die Grenze von Thüringen nach Unterfranken. Ein paar Gedenkschilder stehen da. Zwei Meter Stacheldraht hat man belassen. Und noch sieht man auch an der Vegetation, wo einst der Todesstreifen verlief, denn die in den letzten zwanzig Jahren gepflanzten Bäume haben noch nicht die Höhe der benachbarten thüringischen und bayerischen Bäume erreicht. Die Grenze ist hier noch irgendwie fassbar, aber an ganz vielen anderen Stellen ist das schon lange nicht mehr so. Wunden verheilen mit der Zeit. Das Miteinander von Unterfranken und dem südlichen Thüringen ist nach langen Jahren wieder eine Selbstverständlichkeit. Doch die Tür zum Vergessen öffnet sich. War da je eine Grenze? Was ist da passiert? Wie wurde das Land geteilt und wiedervereint? Ich weiß nicht, wie viele Schüler dieser Region noch auskunftsfähig sind, obwohl sie ja nicht weit weg wohnen. Aus eigener Erinnerung jedenfalls wissen sie aus diesen Zeiten nichts. Und bei Josua heißt es: Ihr sollt wissen von ganzem Herzen und von ganzer Seele, dass nichts dahingefallen ist von all den guten Worten, die der HERR, euer Gott, euch verkündigt hat. Es ist alles gekommen und nichts dahingefallen. Billmuthausen ist dennoch dahingefallen und zum Mahnmal geworden: Für eine Zeit, die die Generation nach uns nicht mehr erlebt hat. Für Menschenschicksale. Für Wunden, die mancherorts heilen - Gott sei Dank! Doch auch für die Geschichte, die zu vergessen sich als Fehler erweisen kann. Und auch für unser mattes Gewissen kann die Geschichte dieser Gegend, in der kein Leben mehr sein dürfte, ein Mahnmal sein. Billmuthausen ist aber noch mehr. Es beeindruckt mich, dass dieser Ort gerade durch den Friedhof, durch seine Toten noch lebt. Und es ist trotz der Geschichte irgendwie gut, in Billmuthausen zu sein. Es ist kein lebensfeindlicher Ort geworden. Menschen kommen zu den Gräbern und gedenken ihrer Vorfahren. Gedenken ist Leben. Und Interessierte wie ich kommen vorbei und lassen sich von dem, was sie dort sehen berühren, ansprechen - und sie gehen anders nach Hause, als sie gekommen sind. Veränderung bewirkt weitere Veränderung. Wie ist Zukunft zu gestalten? Das ist eine Frage, die zutiefst mit Leben zu tun hat. Billmuthausen mahnt auch, sich in dieser Welt nicht allzu gut einzurichten, weil sie nichtig sein kann, wie Paul Gerhardt mahnt: So will ich zwar nun treiben / mein Leben durch die Welt, /doch denk ich nicht zu bleiben /in diesem fremden Zelt. /Ich wandre meine Straße /die zu der Heimat führt, / da mich ohn alle Maße / mein Vater trösten wird. Und so bleibt wahr, was bei Josua geschrieben ist: Ihr sollt wissen von ganzem Herzen und von ganzer Seele, dass nichts dahingefallen ist von all den guten Worten, die der HERR, euer Gott, euch verkündigt hat. Es ist alles gekommen und nichts dahingefallen. ■ Holger Manke Geschichte und Identität: Die Auswanderung evangelischer Kärntner um 1650, gedeutet nach dem Vorbild des Auszugs Abrahams in das verheißene Land. Erinnerungsbild in der Kirche von Wain bei Ulm. Aus: Geschichte des Christentums in Österreich. Von der Spätantike bis zur Gegenwart. Österreichische Geschichte 13, hg. v. Leeb u.a. 2003. S. 266.