Evangélikus Élet, 2009. július-december (74. évfolyam, 27-52. szám)

2009-12-20 / 51-52. szám

26 4» 2009- december 20-27. NÉMET OLDAL Evangélikus Élet Deutsche Anlage _*s= Trost statt Unruhe Jahreslosung 2010: „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!” (Joh 14,1) „Euer Herz erschrecke nicht!“, so lesen wir in der deutschen Lutherbi­bel. „Euer Herz sei nicht unruhig!“, so heißt es wörtlich in der ungarisch­sprachigen protestantischen Bibel­übersetzung. Erschrecken und Un­ruhe können zwar inhaltlich ganz un­terschiedlich gefüllt werden, doch beides klingt in jenem griechischen Wort tarasso mit. „Euer Herz erschrecke nicht!“ „Eu­er Herz sei nicht unruhig!“ Die Un­einheitlichkeit in der Übersetzung bringe jedoch keine exegetische Zwietracht zwischen uns, sondern sie möge gegenseitig den Blick dessen erweitern, was Jesus Christus uns zu­sprechen möchte. Denn weder das uns in den Grundfesten erschüt­ternde Erschrecken noch die durch ihre Dauerhaftigkeit rumorende und schließlich zerstörerisch wirkende Unruhe soll - so dürfen wir Jesu Wort in der Jahreslosung 2010 ver­stehen - unser Herz regieren: „Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ Doch soll etwa nicht das Herz des­sen erschrecken, der die Wirklichkeit der Wirtschaftskrise an eigener Haut erfährt? Die Preise schießen in den Himmel, für Entwicklung bleibt kaum eine Chance. Die 55-jährige Mutter dreier Kinder geht täglich verängstigt zur Arbeit, denn sie weiß nicht, wann sie ein Schreiben be­kommt, in dem es heißt: „In Folge der Umstrukturierung haben wir Ihr Stelle gestrichen.“ Der frisch di­plomierte junge Mann schreibt eilends seinen Lebenslauf und ver­sendet Bewerbungen, bekommt wo­möglich gar Termine zu Vorstel­lungsgesprächen, doch der Bescheid - sofern es überhaupt einen gibt - beginnt zumeist mit den Worten: „Mit Bedauern teilen wir Ihnen mit ..." Im großstädtischen Getümmel lehnen Männer voller Lebenskraft am Geländer und warten darauf, dass - wie auf einem modernen Sklavenmarkt - der Blick eines Ar­beitsgebers an ihnen haften bleibt. Doch vergebens. Die Stunden ziehen vorüber, die meisten geben auf. Soll etwa nicht das Herz dessen unruhig sein, der täglich Nachrich­ten über die in der Welt geübte Ge­walt hört? In Folge uralter Konflik­te vernichten sich afrikanische Stäm­me. In asiatischen Ländern werden die Menschenrechte mit Füßen ge­treten. Im Nahen Osten sprengt ein Selbstmordattentäter unschuldige Menschen in die Luft. In einer Klein­stadt in Übersee oder in Europa metzelt ein geistig umnachteter jun­ger Mann seine Schulkameraden nieder. Soll etwa nicht das Herz dessen er­schrecken, der die Nachrichten über den Klimawandel hört? Der liest, wie die Urwälder vernichtet werden. Der sieht, wie Fischkadaver an das verschmutzte Ufer geschwemmt werden. Der erfährt, wie Fabriken die Flüsse kontaminieren. Soll etwa nicht das Herz dessen unruhig sein, der auf den Hauptplät­zen mitteleuropäischen Städte das donnernde Stampfen der Springer­stiefel von schwarz gekleideten Ju­gendlichen hört? Der in seiner Um­gebung sieht, wie kahl geschorener junge Menschen schwungvoll ihre Arme zum Hitlergruß heben und Fahnen schwenken, die schlechte Erinnerungen hervorrufen. Der auf den Mauern von Unterführungen und öffentlicher Gebäude fremden­feindliche Schriftzüge lesen muss. Soll etwa nicht das Herz dessen er­schrecken, der im Vorzimmer der Arztpraxis darauf wartet, dass sich die Tür öffnet und ihm der histolo­gische Befund bekannt gegeben wird? Der Opfer von Aids und der Neuen Grippe nicht nur aus den Nachrichten, sondern persönlich kennt. Soll etwa nicht das Herz der Mut­ter unruhig sein, die gemeinsam mit ihren Kindern vor ihm gewalttätigen Ehemann fliehen muss? Die auf der Straße, unter der Brücke die Nacht verbringen muss. Soll etwa nicht das Herz dessen erschrecken, der sieht, wie Teenagermädchen auf ei­nem LKW-Parkplatz ihren Körper verkaufen? Soll etwa nicht das Herz dessen unruhig sein, der spürt, das er seine Minderheitsrechte nicht ausüben darf. Der sich in seinem eigenen Haus fremd fühlt. Der zu einer Geld­strafe verurteilt wird, wenn er geset­zeswidrig seine eigene Mutterspra­che spricht. Soll etwa nicht das Herz des Pfar­rers erschrecken, aus dessen Ge­meinde die Menschen reihenweise austreten. Der vergebens alles Mög­liche versucht, doch die Gläubigen wenden ihm den Rücken zu. Und er kehrt mit fahlem Gesicht ins Büro zurück, knüpft langsam seinen Talar auf, legt ihn über die Rückenlehne, und denkt inzwischen daran, dass er wiederum zu spät angekommen ist. Dass er nicht mehr helfen konnte. Dass er sich wiederum vergeblich be­müht hat. Dass er abgelehnt wurde. Er wollte die gute Nachricht verkün­digen, doch sein Wort blieb ohne Re­sonanz. Soll etwa nicht das Herz des Jün­gers unruhig sein, dem - wie uns der Evangelist Johannes übermittelt - sein Meister soeben sagte: „Der Hahn wird nicht krähen, bis du mich dreimal verleugnet hast“? Oder der auf den Satz „Einer unter euch wird mich verraten“ so reagieren muss: „Herr, bin ich’s?“ Soll etwa nicht das Herz derer erschrecken, von denen sich gerade derjenige verabschie­det, den sie so geliebt haben? Die sich vor der Verwaisung, der Ziellosigkeit, der Verfolgung fürchten. Die Angst davor haben, wieder wie hirtenlose Schafe zu sein. * * * Als wäre Jesus inkonsequent. Er sagt: „Euer Herz erschrecke nicht!“ oder „Euer Herz sei nicht unruhig!“ Doch ein wenig zuvor schreibt der Evangelist über ihn, er sei „betrübt im Geist“ (Joh 13,21). Im griechischen Text finden wir wiederum das Wort tarasso. Jesu Betrübtheit ist freilich verständlich, denn das Wort ward Fleisch, das heißt: Jesus ging nicht unempfindsam wie eine Maschine, sondern als Mensch aus Fleisch und Blut den irdischen Weg bis zum En­de. Betrübt im Geist nahm er einen Schurz, umgürtete sich und wusch den Jüngern die Füße. Er war betrübt im Geist, als Petrus zu ihm sprach: „Ich will mein Leben für dich lassen!' Er war betrübt im Geist, als Judas den Bissen nahm und sich vom ge­meinsamen Abendmahl entfernte. Er war betrübt, weil es Nacht war und er wohl wusste, dass ihm beim Bach Kidron die Knechte der Hohenprie­ster und Pharisäer schon auflauer­ten. Als ob er aus großer Entfernung gar gehört hätte, wie ein Kreuz ge­zimmert wurde... Ist Jesus inkonsequent? Wohl kaum. Vielleicht ist dies auch ein Teil der Menschwerdung dass er auch unse­re Unruhe und unser Erschrecken auf sich genommen hat. Sein Geist war betrübt, er durchlebte große innere Stürme - damit wir Frieden haben. Von Gott verlassen wusste er wahr­lich, was Verwaisung ist - damit wir keine Waisen sein werden. Wie er in einer Krippe am Rande der Stadt geboren wurde, so wird auch eine Höhle außerhalb der Stadt seine Grabstätte sein - damit wir nicht ohne Obdach bleiben. Am Kreuz nahm er den Fluch auf sich - damit wir Kinder des Segens bleiben können. Gott hat ihn verlassen - damit der Paraklet bei uns bleibe. Er stieg hinab ins Reich der Toten- damit wir das Heil erlangen. Er wurde arm - damit wir reich werden. Er hat allem entsagt - damit wir alles haben mögen. Sein Geist war betrübt - damit wir nicht unruhig seien und nicht er­schrecken. * * % Die Losung für das neue Jahr stammt aus Jesu Abschiedsrede. Er geht fort- um anzukommen. Er nimmt Ab­schied - um uns zu empfangen. Er lässt uns zurück - um uns vorauszu­gehen. Dies sei auch die Hoffnung für das Jahr 2010. Wegen seines Wortes erschreckt unser Herz wahrlich nicht - und es wird auch nicht unruhig. Denn wir wissen, dass wir an Gott glauben können und an ihn glauben können. Mit fiducia - mit kindlichem Ver­trauen. Denn er ist für uns Mensch geworden. Er hüllte sich nicht nur in einen menschlichen Körper, son­dern lernte auch die Betrübtheit des Herzens kennen. So sieht er nicht nur von außen die Besorgnis derjenigen, die im Schatten der Wirtschaftskri­se, im Schatten von Kriegen, Natur­katastrophen und Krankheit, gesell­schaftlicher und familiärer Gewalt oder aber inmitten von Sorgen, die das kirchliche Leben erschweren, leben. Sondern auch diese Befürch­tungen und Ängste hat er auf sich ge­nommen. Wir glauben daran, dass er uns den Raum bereitet. Denn im Hause seines Vaters gibt es viel Obdach. Dort ist für jeden Platz. Dort gilt kein numerus clausus, dort gibt es kein Ausgeschlossenwerden, dort herrscht keine Überbevölkerung, dort gibt es keine erste und zweite Klasse. Die hier noch abgesondert voneinander leben, werden dort an einem gemein­samen Tisch im Kreis sitzen. Die Ge­fangene der Leere waren, werden dort seine Fülle erfahren, die alles in allem ist. Er bereitet uns den Raum, er erwartet uns. Er ist vorausgegan­gen. Er richtet unser himmlisches Zuhause ein. Vom Durcheinander in die Ordnung. Vom Lärm in die Ru­he. Von Kriegen in den Frieden. Wir werden nicht verloren sein, sondern ein Zuhause finden. Wir glauben daran, dass er uns nicht verwaist lässt. Er kann sich mit der Verwaisung derer identifizie­ren, die ihre Lieben verloren ha­ben, die als ungewollte Kinder zur Welt kamen, die ihre Eltern nie ge­kannt haben und in Erziehungshei­men aufgewachsen sind - und mit der Verwaisung derer, die Eltern ha­ben, doch zuhause kein menschliches Wort hören konnten. Und er identi­fiziert sich mit der Verwaisung derer, die ohne ihren himmlischen Vater aufwuchsen. Wir glauben daran, dass er den Pa­­rakleten, den Tröster, schickt. Des­halb werden wir keine Waisen sein, wie wir beim Propheten lesen: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ (Jes 66,13). Der Evan­gelist spricht so über den Vater des verlorenen Sohns, wie einer, der mit Liebe seinem Sohn zuredet und ihn tröstet (parakalei, Lk 15,28). So kann das Jahr 2010 für uns zum Jahr des Trostes Gottes werden, der an die Stelle menschlicher Unruhe und menschlichen Erschreckens tritt. Da wir über den Geist Trost fanden, können wir auch andere trösten. ■ Dr. Tamás Fabiny Bischof des Nördlichen Kirchen­bezirks der Evangelisch-Lutheri­schen Kirche in Ungarn

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