Evangélikus Élet, 2009. január-június (74. évfolyam, 1-26. szám)
2009-05-31 / 22. szám
io 41 2009. május 31. NEMET OLDAL Evangélikus Élet An die Grenzen gehen Als Kind ging ich öfter an die Grenze, an die bayerisch-tschechische Grenze, denn meine Großmutter wohnte nicht weit davon. Es war ein schöner Sonntagnachmittagspaziergang. Bis zu den weiß-blauen Pfählen konnte man gehen, die sich in gleichmäßigen Abständen quer über eine Wiese aneinanderreihten. „Aber keinen Schritt weiter!“, schärfte meine Großmutter uns ein. „Sonst kommen die Tschechen und holen dich.“ Natürlich gingen wir einen Schritt weiter, aber nur einen Schritt. Es war eine Mutprobe. Und während wir schon fast einen Schritt in Tschechien waren, hielten wir ängstlich Ausschau, ob nicht gleich über die Wiese die Tschechen stürmen würden. Zwanzig Jahre nach der Wende frage ich mich immer noch, wie diese Teilung überwunden wurde. Es gibt keine großen Helden für diese Revolution, auch wenn kluge Politiker sicherlich viel dazu beigetragen haben, dass es nicht zu einem Blutvergießen kam. Vielleicht waren es tatsächlich die Menschen, die bis an die Grenze gingen, bis an die Grenze des Erlaubten und einen Schritt darüber hinaus, in Sopron oder bei den Friedensgebeten in der Leipziger Nikolaikirche, in der Prager Botschaft und an der Mauer in Berlin. Nicht eine politische Ideologie spornte sie an und nicht der Hunger nach Revolution, sondern die Unzufriedenheit mit den ungerechten Grenzöffnung 1989: Während des „Paneuropäischen Picknicks“ durchbrechen DDR-Flüchtlinge die ungarisch-österreichische Grenze, 19.8.1989 Für unsere Jugendfreizeiten gab es ein Haus an der deutsch-deutschen Grenze. Bei Tag konnte man an der Saale entlanggehen und frech den Grenzposten die Zunge herausstrecken. Aber wenn nachts die Hunde bellten und die Beleuchtungsanlagen sich einschalteten, war es uns allen unheimlich. Dabei war diese Grenze wirklich dicht und die Hunde konnten uns eigentlich nichts anhaben. Wie dicht diese Grenze war, erlebten wir in den 80er Jahren, als wir unsere Partnergemeinde in Mecklenburg besuchten. Auf westdeutscher Seite stand noch ein großes Schild: „Denken Sie daran, Sie fahren weiter durch Deutschland“, aber gleich danach standen wir stundenlang in der Warteschlange, wurden peinlich kontrolliert und mussten harmlose Sachen wie Liederbücher und Zeitungen an der Grenze zurücklassen. Mauer, Stacheldraht, Wachtürme und Selbstschussanlagen lagen auf dem Weg zwischen uns und unseren Freunden. Wir durften jedes Jahr einmal durch zu ihnen und waren jedes Mal froh, wenn wir wieder im Westen waren, in den sie nie kommen konnten. Am geteilten Deutschland und Europa änderten diese Besuche nichts. Sie verfestigten vielmehr in uns das Gefühl, dass man gegenüber dieser Teilung hilflos ist. Verhältnissen und der Wunsch nach einem Leben in Freiheit. Viele kleine Schritte bis an die Grenzen des Erlaubten und ein klein wenig darüber hinaus brachten ein System zu Fall, das für uns festbetoniert schien in der Geschichte Europas wie die Mauer zwischen Ost und West. Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa feiert den Beginn der Wende als europäisches Ereignis in Sopron vom 3. bis 5. Juli 2009. Es ist uns bewusst, dass mit dem Öffnen des Zaunes in Sopron und dem Fall der Mauer noch lange nicht alle Mauern und Gräben in Europa entfernt sind. Migrationsbewegungen, wirtschaftlicher Wandel und soziale Konflikte stellen uns vor große Herausforderungen. Wir Kirchen haben dabei eine wichtige Rolle. Und wir brauchen auch heute Menschen, die bis an die Grenzen gehen und einen Schritt darüber hinaus, um ihre Welt zu verändern. Herzliche Einladung zu unserem Fest in Sopron: An die Grenzen gehen vom 3.-5. Juli 2009. Weitere Informationen erhalten Sie in der Außenabteilung der ELKU, Tel.: 1/486-3524. ■ Ulrich Zenker Kirchenrat und Referent für Ökumene und Mittel-Osteuropa Arbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern Jugendkultur der Alltagsspiritualität Tobias Fritsche von der Jugendkirche im Interview ► „Stell dir vor, du gehst seit langem mal wieder in eine Kirche. Doch irgendwie ist es anders als sonst“, so lautet ein Slogan aus der Vorstellung des Projekts Jugendkirche. Der zuständige Pfarrer heißt Tobias Fritsche und war zwölf Jahre lang Bandleader und Songwriter der Hip- Hop-Band Baff. Die zur Zeit in Nürnberg entstehende Jugendkirche ist die erste Milieukirche ihrer Art in Bayern und möchte gezielt Jugendliche und junge Erwachsene ansprechen. Der 33-jährige Tobias Fritsche die Jugendkirche vor und berichtet über seinen Dienst.- Wodurch ist die Jugendkirche für Jugendliche und junge Erwachsene, die eher einen losen Kontakt zu ihrer Gemeinde haben, attraktiver als eine „normale“ Gemeinde?- In der Jugendkirche sind Jugendliche bei der Gestaltung des Programms und der Gottesdienste von Anfang an beteiligt. Wir ermutigen sie, mit ihrer Sprache, ihrem Musikgeschmack, ihrer Kreativität - eben mit ihrer Jugendkultur Kirche zu gestalten. Eine besondere Rolle spielt dabei der umgestaltete Kirchenraum, der durch Medien- und Bühnentechnik, Kreativräume oder ein Café Entfaltungsmöglichkeiten bietet, die sonst in dieser Form nicht gegeben sind. Theologisch gesprochen: Wir gehen weniger den Weg der Sozialisation, sondern der Inkulturation.- 15-Jährige haben andere Interessen und leben in einer anderen Lebenswirklichkeit als 27-Jährige. Wie kann es gelingen, dennoch die gesamte Zielgruppe unter einen Hut zu bekommen?- Wir versuchen, die unterschiedlichen Zielgruppen durch verschiedene Angebotsformen anzusprechen. Es gibt Gottesdienstformen und Angebote, die jeweils speziell für jüngere oder ältere Jugendliche angeboten werden. Darüber hinaus gibt es Veranstaltungen, die wir altersübergreifend konzipieren. Hier spielen die Mitarbeitenden eine große Rolle, die über die Identifikation mit der Jugendkirche über verschiedene Altersgruppen hinweg Zusammenkommen.- Sehen die klassischen Gemeinden Ihre Arbeit als Konkurrenz und damit ihre eigene Jugendarbeit und Zukunft in Gefahr? Oder entlasten Sie die Gemeinden, denen es mitunter an Kapazitäten für eine gute eigene Jugendarbeitfehlt?- Es ist wichtig, dass die Gemeinden und die Jugendkirche in gutem Kontakt stehen, damit so etwas wie Konkurrenzgefühl gar nicht erst entsteht. Wenn man die Jugendlichen gemeinsam im Blick hat, schwindet dann auch ein „Kirchturmdenken“. Bisher konnten wir so etwas wie „Mitarbeiterabwanderung“ aus den Gemeinden nicht beobachten. Daher sind wir zuversichtlich, dass die Jugendkirche als Ergänzung und Unterstützung zur örtlichen Jugendarbeit wahrgenommen wird.- Zur Zeit wird die Lukaskirche in Nürnberg völlig umgebaut, die alten Kirchenbänke wurden entfernt. Wer bestimmt, wie die Einrichtung der Jugendkirche künftig aussehen soll?- Natürlich gibt es wie in jedem anderen Bauvorhaben ein Team vom Fachleuten mit Architekten, Ingenieuren usw. Die Besonderheit der Jugendkirche besteht darin, dass Jugendliche von Anfang an mitreden und ihre Ideen und Interessen einbringen. So gab es schon diverse Workshops von Jugendlichen mit dem Architekten, der genau hingehört hat, wie sich Jugendliche die zukünftige Jugendkirche vorstellen. Alle beschließenden Baugremien sind zusätzlich immer mit Jugendvertretern besetzt.- Es gibt bei Ihnen Theatergruppen, Bands, Konzerte, Kunstprojekte und vieles mehr. Wodurch ist die Jugendkirche dennoch keine Partykirche, sondern wirklich Kirche, die die Botschaft Jesu Christi vertritt?- Der Schwerpunkt der Jugendkirche liegt auf Gottesdiensten. Damit machen wir deutlich, dass wir kein normaler Veranstaltungsort für kulturelle Veranstaltungen sind. Auch die Kulturprojekte werden immer wieder mit spirituellen Zugängen verbunden. Ziel der Jugendkirche ist sakrale Raum ist immer gegenwärtig und bestimmt das Geschehen in der Jugendkirche mit. Ein weiteres wichtiges Element sehen wir in der Entwicklung einer „Kultur der Alltagsspiritualität“, d.h. wir wollen mit Jugendlichen entdecken, wie man als junger Mensch im Alltag seinen Glauben leben kann. Das soll sich auch in den von Ihnen genannten Kreativgruppen wie Theater, Band usw. widerspiegeln.- Wie sehen die Gottesdienste in der Jugendkirche aus? Den Talar legen Sie sicherlich ab...- Ob ich einen Talar trage oder nicht, hängt sehr von der Gottesdienstform ab. Wichtig ist, dass es stimmig ist. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass der Talar schon einmal zum Einsatz kommt. Wir planen nicht nur sehr junge, schnelle Gottesdienste, sondern auch ruhige und meditative. Moderne Musik wird in den meisten Gottesdiensten eine große Rolle spielen - derzeit experimentieren wir mit einem Konzertgottesdienst. In einem Cafégottesdienst wird Gemeinschaft im Vordergrund stehen. Insgesamt schweben uns derzeit etwa vier verschiedene Gottesdienstformen vor, die in der Jugendkirche ihren Platz haben sollen. Wichtig ist auch hier wieder, das nicht nur Gottesdienste für Jugendliche gemacht werden, sondern auch von Jugendlichen gestaltet werden.- „Rapper wird Pfarrer in der Jugendkirche“, so titelten im Februar 2008 die Zeitungen. Wie bringen Sie Ihren Lebenslauf in Ihre Aufgabe beim Projekt Jugendkirche ein?- Als Jugendlicher war ich auf der Suche nach einer authentischen Ausdrucksform, die zu meinem Glauben passt. Obwohl ich bei uns in der Kirche häufig und gerne Orgel gespielt habe, habe ich im deutschen HipHop eine tolle kreative Möglichkeit entdeckt, meine Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen. Diese tolle Erfahrung, die eigenen kulturellen Vorlieben mit dem Glauben zusammenbringen wünsche ich es, den Graben zwischen Jugendkultur uns Spiritualität zu überwinden. Trotzdem sollen Jugendliche auch ihre Kultur mitbringen dürfen, ohne dass gleich nach dem kirchlichen Bezug gefragt wird. Wir glauben, dass Jugendliche ein sehr feines Gespür dafür haben, was man in einer Kirche machen kann und was nicht. Der den Besuchern der Jugendkirche. Sie sollen erleben, dass der Glaube sich auf unterschiedlichste kreative Art und Weise ausdrücken kann. Wir wollen sie dabei unterstützen, eine eigene Spiritualität zu entwickeln und dabei ihre eigenen Formen zu finden. ■ Holger Manke