Evangélikus Élet, 2006 (71. évfolyam, 1-52. szám)
2006-04-09 / 15. szám
IO 2006. április l6. NÉMET OLDAL ‘Evangélikus EletS „Der Herr tötet und macht lebendig...“ iSam 2,6 Vom Tod zum Leben, von der Erniedrigung zur Erhöhung - eine Erfahrung, die für uns Christinnen und Christen ganz eng verbunden ist mit Karfreitag und Ostern, mit dem Sterben und Auferstehen Jesu. Wir bekennen Christus als den, der diesen Weg gegangen ist. Der Vers aus dem Jubelgesang der Hanna, den sie nach vielen vergeblichen, demütigenden Jahren des Wartens auf ein Kind dann doch endlich singen kann, erinnert daran, dass dieser Weg Jesu ein durch und durch menschlicher ist. Ein Weg, den Gott uns zumutet und den auch wir oft genug schon gegangen sind und noch oft gehen werden. Eine Erfahrung, die sich nicht nur im Sterben durch den Wechsel vom Diesseits in das Leben in der jenseitigen Welt Gottes vollzieht, sondern sich auch ganz und vor allem in diesem jetzigen Leben ereignet. Wir sind es nicht unbedingt gewohnt, in den Kategorien von Tod und Leben zu denken, wenn wir eine tiefe Krise durchleben und dann auch wieder aus ihr heraustreten, aber genau das ist es, was Hannas Lobgesang bestimmt: Sie war dem - sozialen - Tod nahe, ihm schon verfallen und erlebt dann die Rückkehr ins volle Leben. Und das gehört auch dazu, wenn wir von Ostern reden. Da geht es auch um die Krise als ein Stück Weg, das uns heraus genommen hat aus dem eigentlichen Leben, das uns auf die Seite des Todes führt. Und ihre Beendigung als der Weg, der uns zurück führt ins Leben, der den neuen Anfang ermöglicht. Gott ist es, der nicht nur mit Krisen konfrontiert, sondern in Christus für uns alle Hoffnung schafft - gegen alle Todesmächte, gegen das, was uns nieder zieht, gegen Demütigungen und Selbstzweifel, gegen Schwäche und Selbstaufgabe. Er ist es, der die Wende vom Tod zum Leben, von der Menschenverachtung zur Menschenwürde herbeiführt. Er ist es, zu dem wir rufen und klagen können, wenn wir ganz in der Tiefe sind, weil er nicht nur hineinführt, sondern auch derjenige ist, der den Weg hinaus weist und mit uns gehen will. Vom Tod zum Leben - an Ostern feiern wir diesen Weg Gottes mit seinem Sohn, der immer wieder auch zu unserem Weg wird. ■ Jutta Hausmann Mit Offenheit im Dienst der Gemeinde Besuch beim Pfarrer der Budapester Deutschsprachigen Evangelisch-Reformierten Gemeinde ► Ein Gebäude für Kranken. Waisenhaus. Kirche, ln dieser Reihefolge stellten sich die Gründer der evangelisch-reformierten Gemeinde in Budapest das Gemeindeleben vor. So entstand das heute wieder funktionierende Krankenhaus Be- thesda wie das Waisenhaus, das bis 1945 stand. Die Kirche war „nur” als drittes dran. Seit 1878 ruft die Glocke die in der ungarischen Hauptstadt lebenden Deutschen, Schweizer und Ungaren zum Gottesdienst. Heute ist hier Zoltán Balog als Pfarrer tätig. Ihm fallt es nicht schwer, über die Geschichte der Deutschsprachigen-Re- formierten Gemeinde zu erzählen. Besonders, weil die ersten Fragen der Besucher schon gleich auf die Lippe kommen, wenn er sie in sein Büro einlädt. Hier fällt gleich aus der Zimmerdecke „runterkommende” Glockenstrang auf... Die Glocke ist Geschenk von Wilhelm II. Er Hess - als er in Schlachten gewonnen hat - die Kanonen in mehrere Stücke zerteilen, die er dann in verschiedene Gemeinden schickte, wo aüs ihnen später Glocken gefertigt wurden. Ein Stück landete hier in Budapest und wurde dann ebenso zur Glocke. Die russischen Soldaten nahmen sie dann im zweiten Weltkrieg weg. Erst seit 2002 hat unsere Gemeinde wieder drei Glocken, die sonntags läuten, um die Gemeindemitglieder in die Kirche einzuladen.- Die Geschichte der Gemeinde klingt sicher ebenso interessant.- Der Anfang ist in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zu datieren. Damals kamen immer mehr deutschsprachige Ingenieure, Handwerker, Kaufleute etc. nach Budapest, um hier ein neues Zuhause finden zu können. So und deswegen entstand dann eine Gemeinde. Ihr hiesiges Leben war durchwirkt vom Pietismus. Die nach Ungarn gekommenen Gemeindemitglieder erlebten in ihrer Heimat (Schweiz, Deutschland, Niederlanden) die Erweckungsbewegung, die ihre Frömmigkeit stark bestimmte. Infolge dessen bauten sie ihre Gemeinde hier, auch „in der Fremde“ nach diesem Beispiel. D.h. erst beschäftigten sie sich mit den diakonischen Problemen - siehe Kranken- und Waisenhaus -, dann fing man mit dem Bau des Kirchge- bäudes an. Das Gotteshaus im neugotischen Stil wurde dann 1878 durch den reformierten Bischof Pál Török und durch den damaligen Pfarrer Rudolf Koenig gemeinsam geweiht.- Soviel ich weiß, konnte man sich aber über die Kirche nur relativ kurz freuen...- Der zweite Weltkrieg hat seine Spuren auch hier gelassen, das Gebäude wurde bombardiert. Während des Sozialismus - als aus historischen Gründen die Kirchenbänke leer standen - musste man die Kirche vermieten. So zog eine Abteilung des ungarischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens (MTV) hier ein. Erst nach der Wende wurde es möglich, diese Situation zu ändern. Das bedeutete aber ganz konkret, dass wir unsere Gottesdienste und Bibelstunden fünfzig Jahre lang nur in einem kleinen Raum halten konnten.- Über den Anfang des Lebens der Gemeinde sprechen, erwähnten Sie „die Neuigkeiten der Diakonie“. Wenn ich mich nicht irre, waren nicht nur die oben genannten Projekte - erst Kranken-, dann Waisenhaus - in Ungarn neu.- Ja, früher waren zum Beispiel sowohl die Sonntagsschulen als auch der Gedanke eines Frauenkreises und die kirchliche Arbeit mit Alkoholikern (Blaues Kreuz) in Ungarn nicht bekannt. Man muss aber auch wissen, dass in diesem Kreis ebenso ein Arbeiterwohlfahrtsverband gegründet wurde, wo die Mitglieder einmal - so steht es in einem Protokoll - den Pfarrer fragten, warum er keine Predigt über den 1. Mai hält...- Welche von den Gründern sind so wichtig, um unbedingt mit ihren Namen genannt zu werden?- Alle, die hier gelebt und gewirkt haben, sind natürlich wichtig. Diejenigen, die auch für die Leser bekannt sein können, sind z. B. die Schweizer Familien Ganz oder Gerbaud, wie auch die Drehers. Die Gemeinde selbst entstand im Jahre 1859 auf Initiative des Eisenbahningenieurs Theodor Biberauer (Die Nachkommen ließen den Namen später auf Bodoky ändern.). Nicht im Zusammenhang mit dem Anfang, sondern überhaupt, als eine der wichtigsten Figuren im Leben dieser Gemeinde, muss ich noch unbedingt Raymonde Berthoud nennen. Sie sorgte dafür, dass diese kirchliche Gemeinschaft auch nach dem Zweiten Weltkrieg, und auch in den sozialistischen Zeiten existieren konnte, diente als Kuratorin, besuchte die Kranken und die Alten, nahm einen erheblichen Teil der Organisation auf sich.- Wie sah die nationale Zusammensetzung in der Vergangenheit aus?- Die nationale Trennung spielte in diesem Kreis keine Rolle, und es muss gesagt werden, die konfessionelle auch nicht. Es wurde kein Unterschied zwischen Unierten, Reformierten oder Lutheranern gemacht. Zurück aber zu Ihrer Frage: in dieser Gemeinde gab es immer eine bedeutende Zahl an Schweizern. Aus ihren Reihen stammten der überwiegende Teil der Presbyter und der Kurator der Gemeinde. Die Pfarrer kamen vor allem aus Deutschland. Nach der Entstehung der Gemeinde war der erster Pfarrer Adrian van Adel aus Holland von 1859 bis 1863.- Wie sind Sie hierher gekommen?- Nach solchen Vorgängern kann ich hier meinen Dienst tun wie dem Theologieprofessor Mihály Bucsay (1946-1980), der noch mit dem offiziellen Misstrauen gegen alles Deutsche zu kämpfen hatte, oder Ervin Vá- lyi-Nagy (1924-1993), Professor für Systematische Theologie. Ich bin einer seiner Schüler, der von ihm gebeten wurde, hierher zu kommen. Seit 1980 habe ich Kontakt zu der Gemeinde. Ich arbeitete hier erst als Mitarbeiter, dann als stellvertretender Pfarrer. Die Gemeinde wurde am 31. Mai 1996 zur selbständigen Muttergemeinde. Bis dahin gehörte sie zur reformierten Gemeinde am Kálvin Platz. Ab September desselben Jahres wurde ich gewählt. Neben der Pfarrertätigkeit hier arbeite ich noch als Generaldirektor einer Stiftung.- Wie viele Personen betreuen Sie?- Die Gemeinde hat etwa neunzig Mitglieder; wenn man auch die Kinder zählt, dann mehr als hundert. Unter ihnen sind einige, die nur ungarisch sprechen, andere sind von ihrer Muttersprache her Deutsche oder Schweizer, und aus den so genannten „Mischehen“ stammen solche Mädchen und Jungen, die beide Sprachen beherrschen. Für die Kleinen bieten wir im Sommer unser deutsch-ungarisches christliches Kinderlager an, das zusammen mit der deutschsprachigen katholischen Sankt-Elisabeth-Gemeinde veranstaltet wird. Die römisch-katholischen und die protestantischen deutschsprachigen Senioren sehen sich wöchentlich bei den Taizé-Treffen, an Teenachmittagen und bei Chorproben wieder. Hier möchte ich erwähnen, dass wir nicht nur mit dieser deutschsprachigen Gemeinschaft sehr guten Kontakt haben, sondern auch natürlich mit der Deutschsprachigen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde in der Budaer Burg, mit der wir regelmäßig an verschiedenen Programmen teilnehmen.- Wenn wir schon mal bei den verschiedenen Konfessionen sind, hätte ich eine Frage dazu. Wie Sie erwähnten, spielte bei Ihnen in der Gemeinde am Anfang weder der konfessionelle noch der nationale Unterschied eine bedeutende Rolle. Gilt das auch heute noch?- Meiner Meinung nach ist es heutzutage auch so. Das ist auch das Gebot der Stunde. Ich denke, wenn diese Gemeinschaft weiterhin blühen will, muss sie nicht einfach nur offen sein, sondern auch in der Zukunft immer offen bleiben. In so einer Gemeinschaft, deren Mehrheit in der Stadt keinen ständigen Wohnsitz hat, weil die Leute nur für kürzere oder längere Zeit bleiben, ist die Fluktuation groß. Worauf die Gottesdienstteilnehmer einen großen Wert legen, ist die Predigt, die sie sowohl intellektuell wie auch existentiell ansprechen soll. Mein großer Traum ist, dass einmal die Zeit kommt, dass sie sich auch als „communio“, als Gemeinschaft angesprochen fühlen. Dazu müssen wir ständig mobil und offen sein. Das hat manchmal eine frustrierende, manchmal aber eben im Gegenteil eine inspirierende Wirkung auf mich.- Für die erwähnte Offenheit kann man mehrere Beispiele nennen, wenn man das Plakat vor der Kirche oder den Gemeindebrief liest, oder eben einen Gottesdienst besucht, wo man die Predigt sowohl auf ungarisch, als auch auf deutsch zu hören bekommt.- Vor fünf Jahren entschied sich unser Presbyterium, auch zweisprachige Gottesdienste zu halten, also sowohl auf Deutsch, als auch auf Ungarisch zu singen, zu beten und zu predigen. Der Grund dieser Entscheidung lag in erster Linie darin, dass unsere Gottesdienste immer häufiger von Ungarn besucht wurden, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, die aber die Predigt in Deutsch und die Werte des „westlichen“ Protestantismus für wichtig halten. In Budapest gibt es viel mehr solche Familien, als man denkt, in denen ein Elternteil ungarisch ist und der andere kommt aus Deutschland, aus Österreich oder aus der Schweiz. Diese Familien nehmen gerne an zweisprachigen Veranstaltungen teil, weil sie so denken - und ich bin auch damit völlig einverstanden -, dass die Kenntnisse der zwei Sprachen und der zwei Kulturen eine Möglichkeit der Bereicherung bedeuten. Was die Programme der Gemeinde betreffen, möchte ich unbedingt noch zwei Beispiele nennen. Der erste ist ein Filmklub für den so genannten Ex-Kreis. Den besuchen jeden Freitagabend um 18 Uhr solche junge Menschen, die nicht mehr die Gefangenen des Rauschgifts sind. Eine ganz andere Initiative ist der durch das Protestantische Forum ins Leben gerufene Protestantische Frühling.- Könnten Sie bitte das Protestantischen Forum und den Protestantischen Frühling genauer vorstellen?- Das Protestantische Forum wurde 1996 gegründet, um die protestantische Öffentlichkeit und Kultur mit Issuen und mit Veranstaltungen zu unterstützen und zu verbreitern. Diese Organisation stellt im Frühling dieses Jahres zum fünften Mal ein Programm zusammen. Die interessierten Besucher - die ich hiermit auch herzlich einlade - werden zwischen dem 3. April und 14. Mai mit Ausstellungen, Konzerten, literarischen Programmen, Vorlesungen, Diskussionsabenden und Feiern erwartet. ■ Zsuzsanna Gazdag Die Kirche im 1905