Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)
Das Attentat von Sarajevo
77 deren Schicksal die Öffentlichkeit auch in Zukunft beschäftigen würde, nämlich Princip, Cabrinovic und Grabez, müßten in einer jeden Zwischenfall ausschließenden Weise gesichert werden. Daher käme ihrer Meinung nach eine Unterbringung in der bosnischen Zentralstrafanstalt Zenica nicht in Betracht, sie sei dem Kriegsschauplatz zu nahe und unter den Gefangenenaufsehern dominierten die einheimischen Serben, deren absolute Verläßlichkeit nicht garantiert werden könne. Gegen den serbisch-orthodoxen Anstaltsgeistlichen laufe wegen verdächtiger Äußerungen beim Religionsunterricht und bei den Sonntagspredigten eine Disziplinaruntersuchung. Übrigens werde gegenwärtig die äußere Bewachung dieser Strafanstalt durch Veteranen besorgt. Aus all diesen Gründen halte es die Landesregierung für ratsam, die Hauptverurteilten „aus dem Milieu des Landes“ zu entfernen und in die österreichische Strafanstalt Stein abzuschieben. Am 2. Dezember 1914 kommt es dann zur „Abinstradierung“ der drei Hauptverurteilten nach dem Norden, aber nicht nach Stein, sondern nach Theresienstadt in Böhmen6). Aus Wien liegt eine Amtsnotiz7) der Polizei-Inspektion Südbahnhof vor: „Die avisierte Ankunft der Mörder des verewigten Thronfolgers ist erfolgt. Eine von einem Offizier kommandierte Eskorte von 6 Soldaten hat die 3 verurteilten Mörder ..., die mit Ketten aneinander gefesselt waren, begleitet und sie zu Fuß auf den Ostbahnhof überstellt, von wo sie nach Theresienstadt weiterinstradiert wurden. Bei der Ankunft und bei der Überstellung haben die h. a. Sicherheitswachen und Polizeiagenten Assistenz geleistet.“ Ein Attentäter wurde in der Strafanstalt Pilsen, mehrere in der Militärstrafanstalt Möllersdorf8) in Niederösterreich untergebracht. Nach Theresienstadt kamen noch im März 1915 Lazar Djukic, Ivo Kranjcevic und Cvijan Stjepa- novic, nach Möllersdorf Mitar Kerovic, Jakov Milovic, Nedjo Kerovic, Vaso Cubrilovic und Cvetko Popovic9 * * 12). 16 Verschwörer waren in Sarajevo verurteilt worden, drei zum Tode, in der Kerkerhaft starben acht. Es war Krieg, und ein Teil der Bevölkerung sah in den Attentätern den Abschaum der Menschheit, Verbrecher, die am Ausbruch des Krieges Mitschuld hatten und damit auch am Kriegselend. Der Hunger war allgemein, die Bewacher hungerten, erst recht die Sträflinge 1. Kategorie, noch mehr die der 2. Kategorie, und die Attentäter von Sarajevo waren Sträflinge 2. Kategorie. Der Mithäftling Cedo Jandric schrieb, die Wärter hätten sich genau an die Anordnungen gehalten. Körperliche Mißhandlungen seien nicht vorgekommen, aber die Vorschriften selbst wären 6) Theresienstadt wurde von der Kaiserin Maria Theresia 1780 gegründet, 1882 wurde die Festung aufgehoben, 1914 in eine Militärstrafanstalt umgewidmet. ^ 1914 Dezember 4, Wien (ZI. 3101 Präs.): Polizeiarchiv Wien. 8) Möllersdorf in Niederösterreich, zwischen Laxenburg und Baden. Das Schloß wurde 1700 erbaut, kam später in kaiserlichen Besitz, wurde zur Zeit Josephs II. Ma- rodenhaus und war 1873-1918 Militärstrafanstalt. In der Kriegszeit stieg die Zahl der Sträflinge auf 772, von denen 313 in der Haft starben. *) Weisung der Landesregierung an die Zentralstrafanstalt Zenica von 1915 März 12 (ZI. 2817 Präs., Abschrift im SAA).