Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)
Das Attentat von Sarajevo
43 seinen Erinnerungen, die er an Hand von Notizen und ohne Dokumente niederschrieb, den Sachverhalt wohl verdeutlicht, aber nicht verfälscht. Wenn etwas an der Methode Pfeifers auffällt, so ist es eher eine gewisse Vorsicht, um nicht zu sagen, eine gewisse Bevorzugung, die darin bestand, daß er Ilié, den wichtigsten Zeugen für die serbische Mitschuld, eine Woche lang, bis zum 13. Juli, nicht mehr verhörte31). An diesem Tag war aus Wien im Auftrag des Ministeriums des Äußern der Sektionsrat Wiesner32) gekommen, um „die Sarajevoer Untersuchungsergebnisse zu überprüfen und eine ehetunlichste Klärung herbeizuführen“. Der Wiener Ministerialbeamte fand den Gerichtssekretär Pfeffer nicht überfordert, er stellte fest, die Untersuchung liege beim Kreisgericht in guten Händen, mit einem Wort, sie sei „gut geführt“33). Klingt das nicht widerspruchsvoll? Gibt es eine Erklärung für Pfeifers auffallende Zurückhaltung dem geständnisbereiten Danilo Ilié gegenüber? Entscheidend dafür war wohl die Angst, durch falsche und nicht überprüfbare Geständnisse irregeführt zu werden und auf dieser Grundlage Anschuldigungen zu erheben, die leicht zu widerlegen waren, — eine berechtigte Sorge, die nicht nur die Staatsanwaltschaft in Sarajevo, sondern in stärkerem Ausmaß den verantwortlichen Sektionschef im Ministerium des Äußern, Graf For- gäch, bedrücken mußte. Die Untersuchung wurde deshalb mit äußerster Zurückhaltung und in diesem Sinne „gut geführt“. Dedijer nannte Pfeffer einen „fügsamen Charakter“34). Nun, jeder loyale Beamte ist fügsam. Pfeffer war auch dem Nachfolgestaat, dem Königreich SHS, gegenüber loyal, obwohl er sich pensionieren ließ. Es war im Jahre 1926, als ehemalige Mitglieder der ,Schwarzen Hand1 im Ausland die Version verbreiteten, König Alexander und Ministerpräsident Pasié hätten das Attentat von Sarajevo auf dem Gewissen und die beiden wären schuld am Kriege35). Damals also war es, daß in der Zeitschrift Die Kriegsschuldfrage der oben erwähnte Brief eines ehemaligen „k. u. k. Beamten“ (Ivasiuk-Ingomar?) an eine „hochgestellte Persönlichkeit“ (Collas?) erschien. Es ist denkbar, daß der damals in Jugoslawien, und zwar in Karlovac, lebende Staatsanwalt a. D. Pfeffer zu einer Reaktion gedrängt wurde: Schließlich ging es um das Ansehen und den Ruf des regierenden Königs Alexander. Pfeifers Antwort lautete: „Gleich nach dem Umsturz wurde ich über mein Ansuchen pensioniert. Heute [das war im Jahr 1926, d. A.] bin ich, nebst meiner Pension, gut situiert und unabhängig. Dies erkläre ich aus dem Grunde, damit man nicht denken möge, daß ich diese Erklä31) Die nächste Vernehmung des Ilié erfolgte am 23. Juli, an dem Tag also, an dem Österreich-Ungarn das Ultimatum an Serbien richtete. 32) Friedrich Ritter v. Wiesner, bis 1906 k. u. k. Staatsanwaltvertreter für Wien, seit 1913 Sektionsrat im Ministerium des Äußern. 33) Friedrich Wiesner Meine Depesche vom 13. Juli 1914 in Rings um Sasonoff, hg. von Eduard v. Steinitz (Berlin 1918) 176. 34) Dedijer 601. 35) Nikola Nenadovié Die Geheimnisse der Belgrader Kamarilla in La Fédéra- tion Balcanique 1 (Wien 1924) 110 und 3291