Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

36 gangen ... wie könnte ich einem Menschen, den ich das erstemal kennen gelernt habe, so etwas erzählen“53). Princip sagte am gleichen Tag: „Den Jovo Susie kenne ich, ich bin mit ihm wiederholt . . . zusammengekommen. Dort war eine Gesellschaft, die immer getrunken hat ... aber keiner von diesen hatte eine Ahnung von dem Attentate, denn ich hatte nie etwas davon erwähnt.“ Der Name dieses Susie taucht dann in den Protokollen nicht mehr auf, in der Verhandlung wird er überhaupt nicht erwähnt. Doch 1934 ging sein Name in einem amerikanischen Bestseller um die Welt, und zwar in H. R. Nicker­bockers Buch Will war come in Europe? In dieser unbekümmert geschriebe­nen Reportage schildert der Verfasser ein Gespräch mit Susie im Rathaus von Sarajevo54). Auf die Frage des Reporters, ob er Princip gekannt habe, antwortet Susie, er wäre mit ihm Tag und Nacht zusammengewesen. Und deshalb habe man ihn festgenommen und gefoltert. „Hier, genau hier, wo Sie stehen, haben sie mich gefoltert. Drei Wirbel im Rückgrat haben sie mir gebrochen . . . Ich wußte, wenn ich rede, bedeutet das den sicheren Tod für mich und vielleicht auch für andere. Ich wußte, wenn ich nicht rede, werden sie mich vielleicht zu Tode foltern, aber doch nur vielleicht . .. Vier Tage haben sie mich gefoltert. Sie gaben mir Schläge auf die Fußsohlen, bis ich das Bewußtsein verlor. Sie ließen mich nackt auf spitzen Steinen knien, bis ich ohnmächtig wurde. Ich habe nicht geredet ... Sie sagten mir, die andern hätten gestanden. Ich antwortete: .Stellt mich ihnen gegenüber'. Das wollten sie nicht, und so wußte ich, daß sie gelogen hatten ... Als das hier geschah, waren wir alle verloren. Keiner konnte weg. Die Grenzen waren gesperrt. Hier waren wir einfach vogelfrei für alle. Jeder konnte uns auf der Straße umbringen. Jeder Österreicher konnte jeden Serben töten. Aber so war es ja vorher mit uns gewesen.“ Allein die letzten zwei Sätze verraten, wes Geistes Kind dieser Susie war. Es stimmt natürlich auch nicht, daß er Tag und Nacht mit Princip zusammen war. Von den vielen Leuten, die mit Princip verkehrten und die dann verhört wurden, beklagte sich keiner über Folterungen, und es waren einige darun­ter, die viel verdächtiger schienen als Susie. Wenn von jugoslawischer Seite, zum Beispiel von Dedijer55), behauptet wird, von der ersten Stunde der Untersuchung an wäre die Tendenz der österrei­chisch-ungarischen Behörden, nachzuweisen, daß das Attentat in Belgrad geplant wurde, unverkennbar, so beinhaltet dies den Vorwurf der Voreinge­nommenheit und Parteilichkeit. Ist er berechtigt? Hätten die Untersuchungs­behörden, nachdem die zwei Hauptattentäter56) unabhängig voneinander in 53) Der betreffende Akt trägt einen Pro-domo-Vermerk: „Mit dem hieramts er­schienenen Sektionsrat im Ministerium des Äußern Dr. Ritter von Wiesner wurde heute im kurzen Weg vereinbart, daß die im Sinne des nebenstehenden Telegrammes einlangenden Aktenstücke hieramts übersetzt und sub Couvert im kurzen Wege an das Ministerium des Äußern zu Händen des Sektionsrates Dr. Ritter von Wiesner übermit­telt werden. Dr. Ivanic vom Archiv wird die betreffenden Akten übersetzen“ (ABH GFM). 54) In der deutschen Ausgabe (Berlin 1934) 101 f heißt er: Schuschich Jovo. 55) Dedijer 620f. 56) VP 99, 142.

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