Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)
Umstrittene Dokumente
123 Hand“ habe durch ihre Verbindungsmänner im diplomatischen Dienst118) versucht, der serbischen Regierung das Gefühl einzuimpfen, sie könne mit Rußlands Beistand rechnen. Als Beweis bringt Petrovic den Text jener Depesche, die er am 25. Juli dechiffriert hatte. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß das Telegramm in dieser Form119) von Petersburg abging; es dürfte sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine Zusammenfassung der oben erwähnten Telegramme120) handeln, wobei noch offen bleibt, ob diese Straffung des Textes in London (durch Petrovic) oder bereits bei der Weiterleitung in Belgrad vorgenommen wurde. Trotzdem verdient die Meinung des Londoner Gesandtschaftsattachés Beachtung, besonders wenn man das Telegramm121) des Pariser serbischen Gesandten Milenko R. Vésnie zur Kenntnis nimmt, das in der kritischen Phase abgefertigt wurde und in dem der Satz steht: ,Ich fürchte, unser Petersburger Gesandter hat die Stimmung der amtlichen Kreise in Petersburg, wie man aus einem Bericht ersieht, den das französische Außenministerium erhalten hat, unrichtig aufgefaßt ...“. Unter Diplomaten ist es nicht üblich, vor der Berichterstattung eines Dienst- und Standeskollegen zu warnen, noch dazu schriftlich und in dieser Form. Spalajkovic war im ganzen diplomatischen Korps als „Hitzkopf“122) bekannt, und er reagiert in seinen Petersburger Telegrammen123) wie ein Mann, der endlich an das Ziel seiner Wünsche gelangt ist. Und dieses Ziel war: Kampf gegen Österreich-Ungarn an der Seite Rußlands. Schon im April 1914 versichert er seiner Regierung, Rußland bereite den Krieg vor124). Was er selbst über die kritischen Tage und seine Aussprache12S) mit dem russischen Außenminister zu sagen hat, ist sehr aufschlußreich. Als Sasonow riet, Serbien solle sich bei einem österreichischen Angriff nicht verteidigen, antwortete Spalajkovic: ,Pasié kann alles machen, auch das Unmöglichste, nur eines nicht, und gerade das verlangen Sie von ihm .. . Jeder Defaitismus widerspricht der serbischen Seele. Wie lls) Eine Anspielung auf Dr. Miroslav Spalajkovié. 119) BHM 12/2 (1934) 620; Pozzi La Guerre revient 264f. 120) nn. 22, 24, 25, 26. m) Tel. aus Paris, o. Z., nach der vertrl. n. 201, wohl 1914 Juli 25. Abschrift des Erledigungsentwurfes aus dem Archiv der Gesandtschaft Paris (Übersetzung im SAA). 122) Der Gehilfe des russischen Außenministers A. A. Neratow sagte über Spalajkovic: „... qui a tété chaude et que je préfére voir déjá ici qu’ä Belgrad“ ... Andere Hinweise in ÖUA nn. 8201, 8658. 123) Auszügen aus diesen Telegrammen bei Würthle Spur 234ff. 124) Meldung des serbischen Ministerpräsidenten an den Kriegsminister Stefanovic von 1914 April 18 über folgendes Telegramm des Petersburger Gesandten von 1914 April 12: ,Ich habe die Ehre, Ihnen zu melden, daß Suchomlinow [russischer Kriegsminister] heute im großen Generalstab gesagt hat, daß Rußland einen Krieg vorbereitet. Rußland wird zwei Armeen organisieren, eine, welche den Osten im Schach halten und die zweite, welche gegen den Westen operieren wird ...“. 125) Miroslav Spalaikovitch Une journée du ministre de Serbie á Petrograd. Le 24 juillet 1914 in Revue d’histoire diplomatique 48 (1934) 131-146.