Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

84 „die Kroaten und Serben immer mehr zu entzweien und gegeneinander auf­zuhetzen.“ Die Motive für diese Behauptungen werden klar, wenn man weiß, wer sich hinter den Initialen R. P. verbarg: der Presseattaché der jugoslawischen Ge­sandtschaft in Wien, Ratko Parezanin. Er hatte persönliche und dienstliche Gründe, so zu reagieren. Erstens war er ein Bekannter Princips, der in Bel­grad mit ihm zusammengelebt hatte* 45), zweitens hatten die Österreicher 1914 seinen Vater, einen orthodoxen Geistlichen, in den ersten Kriegsmonaten festgenommen und wegen des Besitzes von .Schießpulver' hingerichtet. Und drittens erfüllte Parezanin mit der Veröffentlichung der Pappenheim-Doku- mente eine offiziöse Aufgabe. Es war die Zeit, da serbische Flüchtlinge, ehe­malige Mitglieder der .Schwarzen Hand', zusammen mit anderen linksgerich­teten Revolutionären in Wien die Zeitschrift La Fédération Balcanique her- ausgaben, in der in verschiedenen Varianten immer wieder zu lesen war: Pa­sié und König Alexander seien die direkt Schuldigen am ersten Weltkrieg, und sie müßten daher vor Gericht gestellt und verurteüt werden46). Und über eine Note, die damals die Belgrader Regierung an Österreich richtete, schrieb das Blatt in einer Sonderausgabe47): „In der letzten Nummer von La Fédération Balcanique wurden Tatsachen mitgeteilt [die Schuld der serbischen Regierung am Attentat von Sarajevo, d. A.], die bis heute von der jugoslawischen Regierung nicht dementiert worden sind und die auch nicht dementiert werden können. Hier liegt die Ursache der Demarche gegen die österreichi­sche Regierung und nicht in irgendwelchen umstürzlerischen Plänen der in Österreich lebenden Balkanemigranten.“ Pappenheims Veröffentlichung ist daher im Grunde genommen eine Alibi­darstellung der jugoslawischen Gesandtschaft. Was Princip zu Pappenheim sagte, war keineswegs neu und ist heute durch das Untersuchungs- und das Verhandlungsprotokoll längst widerlegt. Parezanins Kommentar diente dazu, der jugoslawischen Regierung aus der Verlegenheit zu helfen, in die sie hauptsächlich durch englische Stimmen geraten war, die öffentlich verlang­ten, „sich von der Anklage reinzuwaschen, von dem Verbrechen [von Saraje­vo] gewußt und es stillschweigend geduldet zu haben“48). Auch ein Dichter49) schilderte seine Erlebnisse in Theresienstadt. Das Grau­en, das ihn beim Anblick des Elends packte, dürfte er wirklich empfunden haben. Für den Sachverhalt scheint sich der Poet nicht allzu genau interes­heim, geb. 1887 in Preßburg, lebte seit 1905 in Wien, war ab 1924 Professor an der Wiener Universität und emigrierte 1938. 45) Princip zum Untersuchungsrichter Pfeffer am 2. Juli 1914: ,Mit mir wohnte noch ein gewisser Parezanin“ (UP 103). 46) La Fédération Balcanique 1925 Mai 31. Diese Anschuldigung wurde auch von serbischen Offizieren erhoben, die 1917 nach Rußland gegangen waren. 47) 1925 Juni 22. 4S) Z. B. Seton-Watson in der Politika 1925 Mai 11. — Den erst 1977 (Copyright 1976) in München, Verlag L. Jevtié, in deutscher Sprache erschienenen „Tatsachenbe­richt“ von Ratko Parezanin Die Attentäter konnte der Vf. leider nicht mehr zur Kenntnis nehmen (Amn. d. Red.). 49) Franz Werfel Tschabrinovitsch in Die neue Rundschau 1923 Mai 2.

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