Fritz Reinöhl: Ergänzungsband 7. Geschichte der k.u.k. Kabinettskanzlei (1963)

II. Der Monarch und seine Stellvertretung

81 abgesehen, bis zum Zusammenbruch verblieb, fuhr er von dort täglich im Automobil nach Baden, dem Standort des Armeeoberkommandos. Während der Fahrt las er meistens den diplomatischen Tagesbericht des Ministeriums des Äußeren, der ihm von diesem unmittelbar unterbreitet wurde. In Baden nahm er die militärischen Vorträge und Audienzen ent­gegen. Mittags kam er nach Laxenburg zurück, wo die politischen Emp­fänge, Zivilaudienzen und Vorträge ihn vom frühen Nachmittag bis in die Abendstunden beschäftigten28). Seinen Vortrag erstattete Polzer an Hand der Vortragsextrakte, welche die von ihm zu seiner Unter­stützung angebrachten Bleistiftstriche bei den wesentlichen Stellen zei­gen. Er mußte sich natürlich streng an die Anträge der Minister halten und bezeugt, daß er niemals gewagt hätte, unbefragt seine Meinung auszusprechen. Wich Polzers Meinung von der des Ministers ab, so gab Karl zumeist, wenn es sich um wichtigere Dinge handelte, Polzer den Auftrag, die Sache mit dem Vortragenden Minister zu besprechen. „Ich mußte“, so berichtet Polzer, „die Akten sehr genau inne haben, denn Kaiser Karl begnügte sich nicht damit, einen geschlossenen Vortrag an­zuhören, sondern er stellte Frage um Frage, er unterbrach mich fort­während, ließ sich die Vorakten, die Berichte der Landeschefs vorlesen oder zeigen, bis er ganz klar in der Sache sah. Und er stellte diese Fra­gen mit größter Treffsicherheit, was die Arbeit sehr erleichterte. Es war überhaupt ein Vergnügen mit dem Kaiser zu arbeiten, denn er war bei jeder Sache immer voll gegenwärtig“ 29). Nach der Betrauung des Erz­herzog Max mit der Erledigung minder wichtiger Angelegenheiten, die am 14. Oktober 1917 erfolgte30), war der tägliche Vortrag beim Kaiser über­flüssig geworden. Polzer verließ daher Reichenau, wo der Kaiser damals weilte, und verlegte seinen ständigen Amtssitz nach Wien, wo sich Erz­herzog Max aufhielt; er fuhr nur dann nach Reichenau, wenn wichtige Angelegenheiten vorzutragen waren. Wohl aber sandte er täglich durch Kurier außer den dem Kaiser zu unterbreitenden Geschäftsstücken eine Tasche an das kaiserliche Hof lager, welche einen Bericht über besondere Vorfallenheiten und die Tagesblätter enthielt, in welchen er jene Artikel und Stellen bezeichnete, auf die er den Kaiser besonders aufmerksam machen wollte31). Auch Dr. Ernst Seidler, Polzers zweiter Nachfolger, bezeugt, daß der Kaiser „ausnahmslos“ seine Entschließungen „auf Grund meiner neuerlichen Vorträge faßte, wobei der Allerhöchste Herr eine Fülle von Fragen stellte und mit großem Scharfsinn auch die kleinste Lücke sofort entdeckte. Hiebei handelte es sich nicht etwa nur um Auszeichnun­gen, Begnadigungen etc., sondern auch um die zur Allerhöchsten Sank­28) Ebenda, S. 296. 29) Schreiben Polzers an Univ.-Prof. Gustav Turba, Abschrift o. D., Nach­laß Reinöhl, Schachtel 5. 30) S. Kapitel II, Stellvertretung Kaiser Karls durch Erzh. Max. 31) Polzer-Hoditz, a. a. O., S. 492. Reinöhl, Geschichte der k. u. k. Kabinettskanzled 6

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