Fritz Reinöhl: Ergänzungsband 7. Geschichte der k.u.k. Kabinettskanzlei (1963)
II. Der Monarch und seine Stellvertretung
114 zepte der Erledigungen haben vorlegen lassen m). Am 12. August 1914 bewilligte der Kaiser, daß dem Erzherzog, der um Delegierung eines der ungarischen Sprache kundigen Beamten gebeten hatte, Baron Nagy zu gewiesen werde131 132 133). Am 17. Juli 1915 ermächtigte der Kaiser Kabinettsdirektor Schiessl, dem Erzherzog bereits resolvierte Vorträge administrativer, nicht-politischer Art zum Lesen zu geben, damit er sich über den Gang der Geschäfte unterrichte13S). Nach Ausbruch des Krieges hatte ein Sektionschef jedes Ministeriums dem Erzherzog über die dem Kaiser unterbreiteten Vorträge zu referieren. Um halb sieben Uhr früh mußte sich der Erzherzog täglich beim Kaiser einfinden, der mit ihm die laufenden Tagesfragen besprach134). Auch nachdem der Erzherzog mit 16. März 1916 das Kommando des im Feld stehenden Edelweißkorps übernommen hatte, blieb ihm die Bearbeitung der ihm überlassenen Gegenstände. Fast täglich überbrachte ein Kurier dem Erzherzog die zu bearbeitenden Akten und holte die bereits erledigten ab. Ebenso blieb es, nachdem der Erzherzog das Kommando einer im Osten neu aufgestellten Armee mit dem Standort Chodorow, später Großwardein und Schäßburg übernommen hatte135). Auch er traf innerhalb des ihm zugewiesenen Rahmens selbständig Anordnungen, so am 24. April 1916 über die Bemessungsgrundlage und die Vereinfachung der von den Unterbehörden beantragten Gnadenbezüge 136). Wohl Anfangs Oktober 1916 brachte der Minister des Äußeren und des kaiserlichen Hauses Graf Berch- told beim Kaiser vor, daß gewichtige Gründe dafür sprächen, dem Erzherzog in der Nähe des Monarchen einen Wirkungskreis zu geben, der ihm die Möglichkeit gäbe, sich den reichen Schatz der Erfahrungen des greisen Herrschers zu Nutzen zu machen, diesem hinwieder als Informator zur Seite zu stehen, anderseits es ermögliche, durch Umgang mit den leitenden Staatsmännern die staatsmännische Ausbildung des Erzherzogs zu vervollkommnen. Berchtold unterbreitete dem Kaiser auch eine diesbezügliche Denkschrift, die aber leider nicht erhalten ist137). Der ungarische Ministerpräsident Graf Tisza, der ähnlicher Meinung war, regte den Gedanken an, daß der Erzherzog selbst beim Kaiser seine „Berufung ins Zentrum“ zur Sprache bringen möge; diese Anregung stieß aber auf den Widerstand des Erzherzogs, da es ihm — wie er sich äußerte — als Soldat nicht zukäme, einen solchen Schritt beim obersten Kriegs131) Erinnerungen an Franz Joseph hsg. v. Steinitz, S. 421. Ein aktenmäßiger Niederschlag hierüber ist nicht zu finden. 132) Meldung des Journalbeamten an den Kaiser 12. 8. 1914, Korr. 623. 133) Tagebucheintragung Schiessls 17. 7. 1915, Nachlaß Schiessl. 134) H. K. Zessner-Spitzenberg, Kaiser Karl, Salzburg, 1953, S. 95. iss) Ebda. S. 101 f., 107 f. 136) Note der Kabinettskanzlei vom 25. 4. 1916 an den Ministerpräsidenten und den gemeinsamen Finanzminister Korr. 292 lt. Korr. Prot., der Akt fehlt. 137) Brief Berchtolds an Tisza 8. 10. 1916, Gróf Tisza István Összes Munkai, Bd. 5, S. 373, Nr. 1719 a.