W. Wagner: Ergänzungsband 6. Die obersten Behörden der k.u.k. Kriegsmarine 1856-1918 (1961)

12. Rückblick

12. Rückblick. Überblicken wir rückschauend die über 60 Jahre währende Geschichte einer selbständigen Marinezentralstelle in Österreich, so fällt zunächst auf, daß — etwa im Gegensatz zu Deutschland — die Einheit von Führung und Verwaltung mit Ausnahme einiger Monate des Jahres 1917 und dann des Jahres 1918 doch zumindest in ganz lockerer Form aufrecht erhalten blieb und nicht nur durch den Monarchen als obersten Kriegsherrn gegeben war. Allerdings bildete sich dabei ein ziemlich starkes Übergewicht der Verwaltung heraus, das aber kurz vor dem Weltkrieg durch die Verlegung des Amtssitzes des Marinekommandanten nach Pola wieder ausgeglichen erschien. Anders als Kaiser Wilhelm II. hat Kaiser Franz Joseph relativ wenig in die organi­satorische Entwicklung der Marine eingegriffen und mit Ausnahme des Jahres 1865 fast immer den seitens der Marine selbst an ihn herangetragenen Wün­schen Rechnung getragen — soweit es der komplizierte Staatsmechanismus der österreichisch-ungarischen Monarchie ermöglichte. Dagegen zeigten andere Mitglieder des Erzhauses, vor allem Ferdinand Max und Franz Ferdinand, aber auch Erzherzog Leopold, recht lebhaftes Interesse an der maritimen Macht Österreichs. Ferdinand Max stand zehn Jahre lang an der Spitze der Kriegsmarine und ihm verdankte sie ihre Lösung aus dem Bereich des Heeres, ja sogar die Gründung eines eigenen Marineministeriums. Das Interesse des Erzherzogs Leopold wirkte sich dagegen eher negativ im Sinne einer viel stärkeren Bindung und Unterordnung unter das Heer aus. Franz Ferdinand erstrebte — abgesehen von seinen Verdiensten um den Ausbau und die Geltung der Flotte — die Trennung von Führung und Verwaltung; obwohl dies durch die Marine selbst — vor allem durch Kontreadmiral Haus — verhindert wurde, trug es doch zu einer stärkeren Betonung der militärischen und operativen Belange bei und ließ die Flotte besser vorbereitet in den Weltkrieg eintreten. Das größte organisatorische Talent, das die österreichische Kriegsmarine hervorgebracht hat, ist ihr kühnster Flottenführer, Vizeadmiral Wilhelm von Tegetthoff. Nachdem Erzherzog Ferdinand Max der Flotte ihre Selbständig­keit errungen hatte, erwies sich sein unruhiger, rastloser und sprunghafter Geist den Problemen der Organisation doch als nicht gewachsen. Selbst die nach vielen anderen Lösungsversuchen unter schweren Kämpfen errungene Schöpfung des Marinéministeriums brach sofort nach seinem Scheiden vom Kommando wieder auseinander und die Marine entging nur knapp einer völligen Eingliederung in das Heer. Erst nachdem sich Tegetthoff durch seinen Sieg bei Lissa und die Heimholung des Kaisers Max das Vertrauen seines Kaisers in so hohem Maße erungen hatte, daß er die Vollmacht erhielt, die

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