Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Zur Geschichte des Archivalienschutzes

Zur Geschichte des Archivalienschutzes 67 das Wesen der Sache klar erkannte, Franz Grillparzer, hat darum seine warnende Stimme erhoben, als man sich anzuschicken schien, den Bestand des Hofkammerarchivs in ebenso radikaler Weise zu vermindern, wie es schon bei der Vereinigten Hofkanzlei und beim Hofkriegsrat begonnen worden war. Denkwürdig bleiben seine Worte, daß in den Archiven zu­sammen auch die Geschichte des Staates und des Landes beschlossen liege60 61). In ähnlichem Sinne äußerte sich auch sein Amtskollege Joseph Chmel vom Haus-, Hof- und Staatsarchiv81). Einen nicht zu übersehenden Anreiz, die Ausscheidung alter Schriften möglichst weit auszudehnen, bot die in vielen Vorschriften enthaltene Be­stimmung, daß den mit dem Skartieren befaßten Organen ein Anteil am Erlös zukommen sollte62). Pergamente, also vor allem ältere Urkunden, wanderten vielfach zu den Goldschlägern 63), für sonstiges Altpapier fan­den sich Lebensmittelhändler als Abnehmer, so daß manchmal auch Ent­fremdungen nicht zur Vernichtung bestimmter Amtsakten vorkamen64). Obwohl die meisten Vorschriften eine vollständige Vernichtung der Stampf masse vorsahen, haben doch manchmal einzelne Stücke den Weg in Privatsammlungen gefunden. Eine türkische Originalurkunde aus dem Jahre 1534 geriet aus dem Stampfgut des Hofkriegsrates in die Hände des Archäologen Eduard Melly65). Auch ein Gutachten Adalbert Stifters über die Errichtung einer Universität in Linz blieb nur auf solche Weise erhalten66). In Galizien hat sich ein privater Sammler sogar ein eigenes „Archiv“ aus dem Skart verschiedener Behörden angelegt67 *). Kann die Beteiligung von Amtsorganen an solchen Dingen, auch wenn es sich um Stampfgut handelt, nach dem österreichischen Strafgesetz als Amtsver­untreuung verfolgt werden, so bot die Eückgewinnung der in dritte Hände gelangten Stücke immer wieder große Schwierigkeiten 6i>). 60) H. L. Mikoletzky, Der Archivdirektor Franz Grillparzer. In: Der Archivar 5 (1952), 49 ff.; d e r s., Franz Grillparzer und das Hofkammerarchiv. Jahrb. d. Grillparzer-Gesellschaft, 3. F. 1 (1953), 23 ff. 61) Sitzungsber. d. Wiener Akad. d. Wiss., phil.-hist. Kl. 4 (1850), 136. 62) Finanzministerialverordnungsblatt 1869, Nr. 15; J. K a s e r e r, Hand­buch d. österr. Justizverwaltung 1 (1882), 538. 63) K. S c h a d e 1 b a u e r, Die Goldschläger als Vernichter alter Perga­menturkunden. Tiroler Heimatblätter 22 (1947), 167. 64) Nachrichten über solche Fälle: Hofkanzlei III A 2, 55 ex August 1803, u. Justizmin. 23866/1854 (Alig. Verwaltungsarchiv). 65) Haus-, Hof- u. Staatsarchiv: Staatskanzlei Interiora, Archiv, Fasz. 1. Über Melly vgl. F. Dworschak, Eduard Melly 1814—1854. Das Waldviertel 3 (1954), 207 ff., 240 ff. 66) Unveröffentlichtes von Adalbert Stifter, hg. v. Matthis Sellner u. Leon­hard Franz, 1941. 67) Das Anton Schneidersche Archiv in Lemberg. Mitt. d. Zentralkomm. f. Kunst u. hist. Denkm. 22 (1877), XCII ff. 6S) L. B i 11 n e r, Das Eigentum des Staates an seinen Archivalien nach dem österreichischen Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch. Festschr. Hans Nabholz (1934), 310, Anm. 22. 5*

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