Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Zur Geschichte des Archivalienschutzes

IV. Zur Geschichte des Archivalienschutzes. Aus verschiedenen Gründen, deren sehwerstwiegenden die chronische Raumnot gebildet hat, sind in den älteren Jahrhunderten immer wieder Schäden und Verluste an Archivalien eingetreten, doch war man im allge­meinen von einer grundsätzlichen Mißachtung und Geringschätzung des historischen Schriftgutes weit entfernt. Ein stark ausgeprägtes Geschichts- bewußtsein in Verbindung mit den noch wirksamen praktischen Erforder­nissen hat viel zur Erhaltung der österreichischen Archive bis zum Aus­gang des 18. Jahrhunderts beigetragen. Der andere Geist, der seit den Tagen Josefs II. heraufzog und die Bürokratie zu beherrschen begann, hat auch hier Wandel geschaffen. Erst allmählich trat dann unter dem Einfluß der Romantik eine Wendung zum Besseren ein. Der neue Sinn für das Historische verbindet sich mit dem noch immer lebenskräftigen Landes­bewußtsein und schafft durch Errichtung von Museal- und Geschichts­vereinen Einrichtungen, die sich auch auf den Schutz von Archivalien günstig auswirken1 2). Die Archive werden Jetzt weitgehend von der Mentalität des „Samm­lers“ bestimmt. Wie bei Kunstgegenständen haftet man am Original. Das führt zu einer Überschätzung der Urkunde und einer Vernachlässigung aller anderen Überlieferungsformen. Oft glaubt man durch Kopierung, allenfalls auch durch Edition der Texte genug getan zu haben, die Archi­valien werden dann unbekümmert ihrem Schicksal überlassen. Häufig führten solche Bestrebungen auch zu beklagenswerten Zerreißungen orga­nisch erwachsener Bestände, zu nachteiligen Zentralisierungen und zu einem Auswahlprinzip zweifelhafter Art '-). 1) Zibermayr, Die Gründung des oberösterreichischen Musealvereins im Bilde der Geschichte des landeskundlichen Sammelwesens. Jahrb. d. oö. Musealvereins 85 (1933), 71—180; Wutte, Der erste Plan zur Gründung eines Museums in Kärnten. Garinthia I (1926), 122 ff.; J a k s c h, Der Geschichtsver­ein f. Kärnten 1844—1894. Festschr. z. hundert). Geburtstage Gottliebs Frh. v. Ankershofen u. z. fünfzigj. Jubelfeier d. Geschichtsvereins f. Kärnten (1896), 12 ff. 2) Zibermayr, Das oberösterr. Landesarchiv, 3. Aufl. 1950, 257 ff.; Bittner, Gesamtinvéntar 1, 141*. Der als Volkskundler sehr verdienstvolle Julius Maximilian Schottky (über ihn: Leopold Schmidt, Geschichte der österreichischen Volkskunde, 1951, 79 f.) hat als „Sammler“ zerstörend gewirkt, indem er sich etwa in Judenburg fälschlich als Beamter der Hofbibliothek aus­gegeben hat und aus dem dortigen Stadtarchiv 16 Urkunden ausgefolgt erhielt. Vgl. Grillparzers Werke. Im Aufträge d. Reichshaupt- u. Residenzstadt Wien, hgg. v. A. Saue r, III/6, 285, nr. 155.

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