Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Von 1918-1945

Von 1918—1945 55 Hatte man schon in vergangenen Kriegstagen zur Flüchtung von Archivalien gegriffen47), so zwang während des letzten Krieges die stei­gende Bedrohung aus der Luft zu gleichen Maßnahmen. Trotzdem traten Verluste ein, die in der Hauptsache darauf zurückzuführen sind, daß Öster­reich in der letzten Phase selbst Kriegsschauplatz wurde und daß sich nach der Kapitulation zunächst jegliche öffentliche Ordnung auf löste. So schmerzlich diese Einbußen im einzelnen sind, sie halten sich in erträg­lichen Grenzen48). Trotz sehr beachtlicher Erfolge während des letzten Dezenniums wird die Wiederherstellung der alten Ordnung noch viel Zeit und Kraft in Anspruch nehmen. Vieles wurde in diesem Zeitraum auf dem Gebiete der wissenschaftlichen Forschung und der Publikationstätigkeit geleistet, von den jungen Archivaren, die seit 1945 neu in den öffentlichen Dienst getreten und fast durchwegs im Institut für österreichische Ge­schichtsforschung ausgebildet worden sind, können die meisten auf höchst anerkennenswerte berufliche und wissenschaftliche Erfolge hinweisen. Bei der Sickel-Feier des Akademischen Vereins deutscher Historiker in Wien am 11. Dezember 1906 hat Harald Steinacker bei Schilderung des Werdeganges dieses Gelehrten hervorgehoben, daß es im zentralistischen Frankreich ein einheitlich organisiertes Archivwesen gegeben hat, „wie Österreich es damals nicht besaß, heute nicht besitzt und vermöge seiner historischen Struktur nicht so bald besitzen wird“ 49). Heute, nach fünfzig Jahren, erkennt man, daß gerade an einer Bruch­stelle der österreichischen Geschichte etwas zustandegekommen ist, worum man sich im eigenen Lande schon Jahrzehnte vorher vergeblich bemüht 47) L. Groß, Zur Geschichte des Jahres 1683. Monatsbl. d. Vereins f. Ge­schichte d. Stadt Wien 9 (1927), 202; Bittner, Gesamtinventar 1, 21* ff., 29*; P i 11 i c h, Die Flüchtung der Schatzkammer, des Archivs und der Hof­bibliothek aus Wien im Jahre 1683. Mitt. d. Österr. Staatsarchivs 10 (1957). Schiitter, Die Zurückstellung der von den Franzosen im Jahre 1809 aus Wien entführten Archive, Bibliotheken und Kunstsammlungen. Mitt. d. Inst, f. österr. Geschichtsf. 22 (1901), 108—122; Zibermayr, Die Flüchtung des Archivs der oberösterreichischen Landschaft in den Franzosenkriegen. 78. Jah- resber. d. Museums Francisco-Carolinum (1920), 64—86. 48) Kraus, a. a. O., 248 ff.; A, N e t o 1 i t z k a - P. D e d i c, Bericht über die Tätigkeit und den Zustand des Archivs der Landeshauptmannschaft in Graz von 1941—1946. Mitt. d. Österr. Staatsarchivs 1 (1948), 214—231; Wießner, Das Kärntner Landesarchiv in den Jahren 1938—1946. Ebd., 475—482; O. Stolz -K. Dörre r, Bericht über die Stellung, den Zustand und die Tätig­keit des Landesregierungsarchis für Tirol (Innsbruck) in den Jahren 1938—1948. Ebd., 482—489; H o m m a, Das Archivwesen des Burgenlandes 1921—1944. Bur­genländisches Landesarchiv, 1.—4. Jahresbericht (1949); N. Grass, Das Inns­brucker Landesregierungsarchiv im Kriege. Wissenschaft und Weltbild 1 (1948), 183—184; Kriegsverluste und Zerstörungen an nichtstaatlichem Archivgut in Österreich. Der Archivar 7 (1954), 171—178. 49) Abgedruckt in: Volk und Geschichte. Ausgewählte Reden und Aufsätze (1943), 493.

Next

/
Thumbnails
Contents