Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Von 1918-1945

III. Von 1918—1945. Als das Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie besiegelt und die Bildung neuer Nationalstaaten auf ihrem Boden erfolgt war, blieben die vorhandenen in den letzten Jahrzehnten aufgebauten Archiveinrichtun­gen erhalten oder gingen kurzerhand auf die Nachfolgestaaten über. Die rasch einsetzenden Forderungen nach Aktenauslieferungen gefährdeten schwer die Substanz der Wiener Zentralarchive, doch bestanden sie als eigene Anstalten weiter. Das noch immer ungelöste Problem einer Tei­lung des Hofkammerarchivs, die man bisher immer abzuwenden verstan­den hatte, dauerte ja nicht bloß als ein belastendes Erbe aus der alten Monarchie fort, es schien sich jetzt in unvorstellbarer Verdichtung zu wiederholen und auf alle österreichischen Zentralarchive auszudehnen. Inzwischen war auch im Haus-, Hof- und Staatsarchiv der Übergang in die neue Zeit vollzogen worden, der letzte kaiserliche Direktor, Sektions­chef Hanns Schiitter, wurde enthoben ') und durch Professor Ludo Moritz Hartmann ersetzt* 2). Doch schon wenige Tage später erfolgte die Bestel­lung Oswald Redlichs zum Archivbevollmächtigten des deutschösterreichi­schen Staates mit der Kompetenz für die Liquidierungsaufgaben des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, des Hofkammerarchivs und des damals noch nicht unter wissenschaftlicher Leitung stehenden Kabinettsarchivs3). Das Kriegsarchiv, das zur Zeit der Monarchie gleichfalls dem Ressort einer gemeinsamen k. u. k. Zentralstelle angehört hatte, jedoch in den mili­tärischen Apparat eingegliedert gewesen war, fiel zunächst unter die Zu­ständigkeit des Staatsamtes für Heerwesen. Versuche, eine Internationa­lisierung herbeizuführen, konnten abgewehrt werden 4). Bei den ehemals k. k. Archiven, also jenen, die in die Verwaltung der österreichischen Reichshälfte eingebaut gewesen waren — solche bestanden bei den Ministerien des Innern, des Unterrichts, für Finanzen und Eisen­!) Ludwig Bittner, Die geschichtliche Entwicklung des archivalischen Besitzstandes und der Einrichtungen des Haus-, Hof- und Staatsarchivs. Ge­samtinventar des Wiener Haus-, Hof- u. Staatsarchivs 1, 48+, 75+. 2) F. Hüter, Biographien der Archivbeamten seit 1749, ebd. 52; O. H. Stowass er, Mitt. d. Österr. Inst. f. Geschichtsf. 41, 380—384; A. P. Pribram, Anhang zu dem Bericht: Die feierliche Inauguration des Rek­tors d. Wiener Universität f. d. Studienjahr 1925/26, 20—25; E. Stein, Neue österreichische Biographie 3, 197 ff. und die von Below eingeleiteten Gedächt­nisaufsätze i. d. Vierteljahresschrift f. Sozial- u. Wirtschaftsgesch. 18 (1925), 312—339. 3) B i 11 n e r, a. a. O., 117+; 4) Inventar des Kriegsarchivs Wien 1 (1953), 9 f.

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