Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Die österreichischen Archive im 19. Jahrhundert

38 Walter Goldinger Arneth, als sein Stellvertreter der Kanonist Maaßen48). Die erste Ge­schäftssitzung fand erst am 17. April des nächsten Jahres statt. Dazu erschien als Vertreter des Ministeriums des Innern der Sektionschef Rotky49). Die ganze Verständnislosigkeit, mit der man in den Kreisen der Bürokratie den aufgeworfenen Fragen gegenübertrat, drückt sich in der Art und in den Argumenten aus, mit denen er den Standpunkt der Regie­rung kennzeichnete. Die Archive sind, so erklärte er, mit dem notwendigen Personal versehen, sie sind bisher nicht anders behandelt worden als die anderen Hilfsämter, im übrigen sind die Dienstposten ausdrücklich in das Verzeichnis der den mit Zertifikat entlassenen Unteroffizieren vorbehal­tenen Stellen aufgenommen. Das klingt wie Ironie, zeigt aber deutlich das Niveau, auf das das Archivwesen in Österreich herabgesunken war. Daß man an einzelnen Stellen mit tüchtigen Autodidakten, wie Schönherr in Innsbruck und Pirckmayr in Salzburg, der als ehemaliger Fourier tatsäch­lich aus dem Unteroffiziersstand hervorgegangen war, gute Erfahrungen gemacht hatte, darf wahrlich nicht als Beweis des Gegenteils angeführt werden! Wie schon 1869 machten sich auch jetzt starke Widerstände gegen einen Archivrat geltend. Um weiterzukommen, bestimmte die Kommission Arneth und Helfert zu Unterhändlern mit dem Regierungsvertreter Rotky. Helfert gab zu verstehen, daß ihm der Gedanke an eine Zentralisation aller Zweige des staatlichen Archivwesens fernliege, eine Vereinigung der Archive der anderen Ressorts mit denen, die dem Ministerium des Innern unterstanden, sei nicht beabsichtigt. Schließlich kam ein Kompromiß zu­stande, die Regierung erhob keine Einwände gegen den Archivrat, soferne dieser ein bloßer Beirat ohne Entscheidungs- und Anweisungsrecht bleibe. Die Kommission des Herrenhauses wählte nun Helfert zum Berichterstat­ter und nahm sein Referat am 15. Mai 1894 zur Kenntnis. In diesem Be­richte gab Helfert einen Überblick über den Zustand des gesamten öster­reichischen Archivwesens, auch über jene Institute, die, wie die gemein­samen Archive in Wien und die autonomen in den Kronländern, nicht in die Neuorganisation einbezogen werden konnten. Die Sache kam am 29. Mai im Plenum des Herrenhauses zum Abschluß50). Noch ehe aber der Archivrat ins Leben getreten war, erhob sich eine pessimistische Stimme. Er sei nicht nötig, schade mehr als er nütze. „So­genannte Fachgelehrte“, sagt Zahn, „d. h. Historiker, die nicht an Archi­48) Biogr. Jahrb. 5 (1903), 242—244. Nikolaus Grass, Österr. Kanonisten- schulen aus drei Jahrhunderten. Zeitschr. f. Rechtsg., Kan. 41 (1955) 301 ff. 49) Mathias v. Rotky, geh. Prag 1829, gest. Wien, 17. II. 1901, war lang­jähriger Präsidialist bei der Statthalterei in Prag, 1876—1896 im Ministerium des Innern. Wiener Abendpost vom 18. II. 1901. 50) Sitzungsbericht in d. Mitt. d. 3. (Archiv-) Sektion d. k. k. Zentralkomm. 2, 300ff.

Next

/
Thumbnails
Contents