Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)
Schatzgewölbe und Kanzleiarchive
Schatzgewölbe und Kanzleiarchive 15 Ein Querschnitt, der die Formen des kirchlichen Archivwesens etwa im Zeitpunkt der josefinischen Klosteraufhebungen festhält, zeigt in stetiger Wiederholung eine doppelte Gestaltung. Einmal die Prälatenarchive, die in Fortsetzung der alten Schatzgewölbe die rechtskonstitutiven Urkunden verwahrten, und die äußeren Archive, häufig Hofrichterarchive genannt, die die Vielfalt der bei den verschiedenen Verwaltungstellen erwachsenen Schriftbestände, Akten und Amtsbücher, bargen76). In Kremsmünster unterschied man um die Mitte des 16. Jahrhunderts das Schatzarchiv, die Abteiregistratur für die laufenden Geschäfte des Abtes, das Kanzleiarchiv für Justiz und Verwaltung, das Kammerarchiv und das Archiv des Schaffneramtes 77 78). Ein ähnliches Bild zeigen auch die Einrichtungen anderer kirchlicher Anstalten in Österreich. Nicht immer und nicht überall haben sich allerdings Männer gefunden, die wie Benedikt Finsterwalder in Kremsmünster7R) auch die äußeren Archive so sorgfältig betreut haben, obgleich auch anderwärts, von Bränden und Kriegsereignissen abgesehen, bis zum Ende des 18. Jahrhunderts keine wesentlichen Substanzverluste eingetreten sind. Besonderen Eifer zeigten die Kartäuser, deren Archivrepertorien als wahre Glanzstücke angesehen werden dürfen79). Andere Korporationen, wie etwa Spital am Pyhrn, Lambach und Gleink haben sich tüchtiger weltlicher Kräfte bedient, um das gleiche Ziel zu erreichen. Die Wirksamkeit des Johann Adam Trauner, der 21 Archive des Landes ob der Enns geordnet hat, ist hier besonders zu erwähnen80). In gleicher Weise lassen die Archive des Erzstiftes Salzburg trotz zeitweiliger Rückschläge ein gewisses Maß fürsorglichen Interesses der Landesfürsten, ebenso aber die stille, dafür umso ersprießlichere Arbeitleistung einzelner Männer aus dem Laienstande erkennen81). Besaß aber die Kirche zumeist Räume, die dauernd der Unterbringung von Archivalien gewidmet werden konnten, so war diese Stabilität bei den Gemeinden, die nicht über eigene Rathäuser verfügten, nicht immer gewährleistet, ja durch den Wechsel der Amtsträger, die die Archivalien in ihren Wohnungen verwahrten, häufig in Frage gestellt82). Seit der Mitte 7e) L a t z k e, 319 ff. Die begriffliche Gleichsetzung mit Empfänger -und Ausstellerarchiven bei B r e n n e k e, a. a. 0., 126, gilt nur bedingt. 77) B. Pösinger, Das Stiftsarchiv Kremsmünster (1912), 12. 78) Ebd. 23; Zibermayr, 128, 225. 79) L a t z k e, 403 ff., 434 ff., 479 ff. 80) Straßmayr, Der Archivar Johann Adam Trauner. Jahrb. d. oberöst. Musealvereins 81, 250 ff.; ders., Das Schloßarchiv Weinberg (Oberösterreich). Festschr. z. Feier d. zweihundertj. Bestandes d. Haus-, Hof- u. Staatsarchivs 1 (1949), 142. 81) Mudrich, Das Salzburger Archivwesen. Mitt. d. k. k. Archivrates 2, 10 f., 14 f. Ein Mann dieser Art war Franz Th. v. Kleinmayrn, den der Erzbischof bei Pütter in Göttingen und am Hofkammerarchiv in Wien ausbilden ließ; Adam Josef Emmer trat 1806 in den Dienst des Haus-, Hof- u. Staatsarchivs. Vgl. Gesamtinventar 1, 29 f. 82) Zibermayr, 285 ff.