Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)
Die österreichischen Archive und die Geschichtswissenschaft
Die österreichischen Archive und die Geschichtswissenschaft 97 Man hat mit Recht gesagt, daß erst Leopold von Ranke die neuere Geschichte grundsätzlich auf die Akten der Archive gestellt habe108). Ottokar Lorenz, der als Beamter dem Haus-, Hof- und Staatsarchiv angehörte, gebrauchte den Vorwand, die Einrichtungen ausländischer Archive studieren zu wollen, um Urlaub zu erhalten. Das entsprach weniger den fachlichen Bedürfnissen des Archivars als der Absicht, mit der Rankeschule in Verbindung zu treten. Das Ministerium des Äußern hat sein Gesuch abgelehnt109 110 111). Sein Vorgesetzter Direktor Erb ergriff aber die Gelegenheit, auf diplomatischem Wege Erkundigungen über die Archive des Auslandes einzuziehen uo). Zu einer selbständigen Vertretung des Faches „Geschichte der Neuzeit“ ist es zunächst an den österreichischen Hochschulen nicht gekommen. Fournier, der sich 1875 habilitierte, drängte in diese Richtung, die ihm durch seine Personalunion mit der Stelle eines Archivars im Ministerium des Innern naheliegen mußte lu). Zunächst beherrschten noch die Universalhistoriker das Feld. Büdinger gliederte sein Seminar in Sektionen mit einer ganz kleinen Teilnehmerzahl und richtete auch einen Arbeitskreis für Archivstudien ein. Die großen Unternehmungen der Wiener Akademie, Edition der Venetianerdepeschen und der Nuntiaturberichte, haben dort ihren Ursprung112). Die Großtat Papst Leos XIII., die Eröffnung des Vatikanischen Archivs, spornte überhaupt die österreichische Geschichtswissenschaft zu immer neuen Leistungen an113). Folgenschwer wurde es, daß Ludwig von Pastor in Innsbruck die Quellenkunde zur Geschichte der Neuzeit emsig betrieb. Mit ihm sind die österreichischen Historiker in den weiten Raum der europäischen Fachwelt hinausgetreten. Die von der Wiener Akademie herausgegebenen Fontes rerum austriacarum berücksichtigten in steigendem Maße auch neuzeitliche Quellen, deren kritische Bearbeitung in den Abhandlungen des Archivs für österreichische Geschichte Platz fand114). Daß aber auch das Ringen um die Durchsetzung neuer wissenschaftlicher Tendenzen, das Aufkommen einer neuen Richtung der Geschichts188) H. Steinacker, Weg und Ziel der deutschen Geschichtswissenschaft. Staatsgeschichte, Kulturgeschichte, Volksgeschichte. In: Volk und Geschichte, 154. 109) Archiv der Wiener Universität: Akten d. philos. Dekanats, ZI. 483/1856. 110) Bittner, Gesamtinventar 1, 74*. 111) A. Fournier, Erinnerungen (1923), 118 ff. 112) Das ergibt sich aus den Berichten der Vorstände des Historischen Seminars (Alig. Verwaltungsarchiv, Min. f. K. Unterr., 4 Hist. Seminar). Über die Edition d. Nuntiaturberichte H. Kramer, Die Erforschung und Herausgabe der Nuntiaturberichte. Mitt. d. Österr. Staatsarchivs 1 (1948), 492—514. 113) Goldinger, Österreich und die Eröffnung des vatikanischen Archivs. Archivalische Zeitschrift 47 (1951), 23—52. lu) Vgi_ Pastors Selbstbiographie in dem Sammelwerk „Die Geschichtswissenschaft der Gegenwart in Selbstdarstellungen“, 2 (1926), 169—198; San- tifaller, Theodor von Sickel, Römische Erinnerungen 81, Anm. 1. Goldinger: Geschichte des österr. Archivwesens. 7