Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Die österreichischen Archive und die Geschichtswissenschaft

94 Walter Goldinger Fachkreisen allgemein anerkannt wurde und seit dem Brüsseler Kongreß der Archivare und Bibliothekare von 1910, bei dem Österreich vertreten war94), besonders durch die zielbewußte Wirksamkeit Árpád von Károlyis auch im Haus-, Hof- und Staatsarchiv, wo man bis dahin meist anderen Anschauungen gehuldigt hatte, Eingang fand95). Damals hatte sich schon die Synthese zwischen Verwaltungsbeamten und Wissenschaftler, die dem Archivar gelingen soll, herausgebildet. Der spätere Bundeskanzler Michael Mayr, der ein großer Praktiker des Archiv­dienstes war, hat deutlich gesehen, daß das Übergewicht, das die Nicht­archivare im k. k. Archivrat hatten, zu Einseitigkeiten führen mußte. In einem Brief an Gustav Winter vom 10. November 1898 sagt er: „Obwohl ich selbst Professor werden will, so bin ich doch fest überzeugt, daß zu viele als Mitglieder des Archivrathes nicht vom Guten sind, da sie zumeist nur ein sehr einseitiges Interesse an die Archive knüpft“ 96). Schon vorher hatte er in einem Brief an Redlich geklagt: „Da die archivalische Arbeit in den Augen der Wissenschaft gewöhnlich keine Gnade findet, stehe ich eigentlich als fauler Privatdozent da“. Doch ging er wieder ins andere Extrem, wenn er meinte, erst in letzter Linie soll das Archiv der wissenschaftliche Tum­melplatz der Beamten selbst sein97). Im Haus-, Hof- und Staatsarchiv hatte sich schon seit Arneth der Grundsatz durchgesetzt, daß die wissenschaftliche Verwendung der histori­schen Schätze des Archivs einen Teil der amtlichen Beschäftigung zu bilden habe. Dieser Grundsatz gilt nach dem Statut von 1945 auch für das österreichische Staatsarchiv, die Dienstordnungen mancher Landesarchive enthalten ähnliche Bestimmungen. Das Kriegsarchiv war schon seit Erz­herzog Karl als Forschungsstätte und Publikationsstelle für militärwissen­schaftliche Arbeiten organisiert98). Staatsarchivs zu Basel: „Ich befürchte von der neuen Theorie eine Mechanisie­rung der Archivtätigkeit, eine Beeinträchtigung des gesunden Konservativismus, der im Archivwesen so wichtig ist. Das Provenienzprinzip soll nicht zu einem logischen Prinzip erstarren, sondern eine allgemeine methodische Richtung bei der Archivalienbehandlung bleiben, die je nach der Möglichkeit, aber auch nach den Interessen der Bearbeitung variiert.“ (Mitt. d. Inst. 29, 1908, 712, Anm. 1.) 94) Bittner, a. a. O., 149*; I. Cuvelier et L. Stainier, Actes du congrés de Bruxelles 1910, 634 f. 95) Bittner, Árpád von Károlyi als Archivar. Sonderabdruck der Beilage der Levéltári Közlemények, 1933, 25 ff. 96) Haus-, Hof- u. Staatsarchiv, Nachlaß Gustav Winter. 97) Haus-, Hof- u. Staatsarchiv, Nachlaß Oswald Redlich. 9S) Inventar des Wiener Kriegsarchivs (1953); Regele, Die Geschichts­schreibung im Wiener Kriegsarchiv von Kaiser Joseph II. bis zum Ende des ersten Weltkrieges. Festschr. z. zweihundert). Bestand d. Haus-, Hof- u. Staats­archivs 1, 732—743. Vgl. auch Szekfü, Die ungarische Geschichtsforschung und die Wiener Archive. Historische Blätter, hgg. v. Haus-, Hof- u. Staats­archiv 1, 155—166.

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