Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

V. Rechts-, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte - 54. Paul Roth (Basel): Baslerisch-Vorderösterreichische Schiffahrtsstreitigkeiten im Lichte geheimer Korrespondenzen (1760-1765)

Baslerisch-Vorderösterreichische Schiffahrtsstreitigkeiten im Lichte geheimer Korrespondenzen. 85 mit den Persönlichkeiten der Freiburger Regierung, insbesondere mit J. S. von Bender, den Kontakt aufzunehmen. Die letzte Instanz bildete der kaiserliche Hof in Wien, wo Graf von Kaunitz der erste Minister war, und der Präsident des Ritterstandes, Baron von Sickingen, als aufrichtiger Freund Basels galt. Der geheime, offiziöse Verkehr zwischen dem Freiburgischen Regimentsrate Joseph Severin von Bender und dem Basler Registrator und Archivar Daniel Bruckner als den designierten Vertretern ihrer Regierungen wuchs sich mit den Jahren zu freund­schaftlichen Beziehungen aus. Die guten Wünsche, die man sich beim Jahreswechsel regelmäßig gegenseitig aussprach, waren mehr als Redensarten. Wir erfahren, daß man sich auch beschenkte. Wie diplomatisch Basel zu Werke ging, zeigt folgende Begebenheit: Als die Stadt im April 1760 die dritte Säcularfeier ihrer Universität beging, lud sie, entgegen den ursprünglichen Wünschen der Universitätsbehörden, aus politischen Gründen auch einige auswärtige Nichtakademiker zu den Festlichkeiten ein. Unter diesen figurierten an erster Stelle der k. k. Resident (Botschafter) bei der Eidgenossenschaft in Basel, Johann Carl Joseph von Marschall, und der Badische Hofrat Herbster1). Aber auch Herr von Bender war damals mit seinen Angehörigen in Basel. Er erhielt als sinniges Neujahrsgeschenk für 1761 von Bruckner die inzwischen im Druck erschienene „Lobrede“ des Rectors magnificus, Professor Johann Rudolf Thurneysen, die er, wie er in seinem Dankschreiben ausführt, mehreren Gelehrten in Freiburg, die des Lateinischen mächtig waren, zur Kenntnis gebracht habe (7. Jänner 1761) 2). Außerdem sprach Bender, wie wir noch hören werden, Bruckner in einer Unterredung zu Freiburg für den ihm und den Seinen in Basel bereiteten warmen Empfang, an den er immer mit Vergnügen zurückdenke, seinen ergebenen Dank aus. Auch der Oberamtmann von Rheinfelden, der Basel wenig geneigte, auch in Rheinfelden selbst unbeliebte Franz Heinrich Leontius von der Schlichten, war zu der Säcularfeier geladen worden. Ihm hielt Bruckner bei der Gelegenheit die Schifferbriefe von Breisach und Straßburg unter die Nase, um ihm den Standpunkt Basels in den strittigen Rheinschiffahrtsfragen klar zu machen. Eine dem Gaste angebotene Einladung zum Mittagessen wies dieser aber zurück und lehnte es auch ab, in einem Gasthause mit ihm zu speisen. Der Basler Rat unterließ es auch nicht, Bender die „Merkwürdigkeiten der Land­schaft Basel“, das gelehrte und illustrierte Geschichtswerk seines Archivars, das damals erschien (insgesamt 6 Bände, Basel 1748 bis 1763), als „Neujahrskompliment und Present“ zu verehren. Er rechnete damit, daß Bender auf diese Weise mit dem Basler Genius loci bekannt würde, und Bruckner hatte zudem die Möglichkeit, seinen Partner an Hand seiner Chronik auf gewisse historische Zusammenhänge und Entwicklungen, auf bestehende Verträge, Grenzregulierungen, wirtschaftliche Bereinigungen u. dgl. hinzuweisen, wenn es galt, in seinen verschiedenen Schreiben die Auffassung Basels gegenüber Österreich zu. vertreten. Darüber hinaus bewilligte der Geheime Rat, daß Bender gelegentlich auch Lebens­mittelpakete mit Genußmitteln wie Kaffee, Thee und Zucker zugewiesen wurden. Die Spedition dieser „Fäßlein“ besorgte das Geschäftshaus Joseph Ochs, wobei in der Regel der Wasserweg bis nach Breisach benutzt wurde. Unter diesen Umständen berichtete der österreichische Regimentsrat seinem Basler Amtskollegen ziemlich offenherzig über die in den Freiburger Ratssessionen behandelten 1) Die kaiserlichen Botschafter bei der Eidgenossenschaft residierten seit November 1733 im protestantischen Basel, wo sie kulturell und gesellschaftlich eine katholische Zelle bildeten; in ihrer Hauskapelle fanden die ersten katholischen Taufen und Eheschließungen seit der Reformation statt. 2) Über die Basler Universitätsfeier von 1760 vgl. Rudolf Wackernagel, Die dritte Säcularfeier der Universität Basel 1760, Basler Jahrbuch 1887, und Otto Spiess, Die Basler Universität im Ausgang des 18. Jahrhunderts. Basler Jahrbuch 1935. — Johann Rudolf Thurneysen (geb. 1716, gest. 1774) war Dr. jur., Professor der Geschichte, der Pandekten und des kanonischen Rechts.

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