Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VIII. Kunstgeschichte - 78. † Hermann Egger (Graz): Das päpstliche Kanzleigebäude im 15. Jahrhundert

487 Das päpstliche Kanzleigebäude im 15. Jahrhundert. Von f Hermann Egger (Graz). Die kúriaién Verwaltungseinrichtungen im 15. Jahrhundert und ihre Beeinflussung durch die jeweiligen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse sind zum Gegenstand zahlreicher eingehender Untersuchungen gewählt worden, deren Gründlichkeit — es sei an die Forschungen von L. Schmitz-Kallenberg, P. M. Baumgarten, E. Göller, L. Célier und W. v. Hofmann erinnert — stets uneingeschränkte Bewunderung hervorrufen wird. Gar manche Feststellungen bezüglich der Entwicklung der einzelnen Zweige der Camera apostolica hätten jedoch eine noch präzisere Fassung erfahren, wenn ihnen eine nähere Kenntnis der Lage der einzelnen Ämter und ihrer räumlichen Ausdehnung zugrunde gelegen wäre. Es bedarf wohl keiner näheren Ausführung, daß Maßnahmen wie die Vermehrung der Beamten des Registrum supplicationum oder der Collectores taxae plumbi die ent­sprechenden Vorkehrungen für deren Unterbringung erforderten. Ebenso ist es begreiflich, daß gerade die umfassenden Reformen Sixtus, IV. Hand in Hand mit den bereits begonnenen oder erst geplanten baulichen Veränderungen im Kanzleigebäude gingen, die nicht nur in der Verlegung von Amtsräumen bestanden, sondern vor allem den Ausbau der oberen Geschosse betrafen. Auch die Wiederherstellung der Kompetenzen der Rota durch den ge­nannten Papst 1472 und der Zusammenschluß der Notarii rotae zu einem Collegium 1477 hatten entsprechende Maßnahmen zur Folge, wie eine Zahlungsanweisung vom 10. April 1473 bezeugt1). Zwar fehlte es nicht an Versuchen, die Lage der Camera apostolica und ihrer einzelnen Abteilungen während des 15. Jahrhunderts zu ermitteln, doch scheiterten alle Bemühungen immer wieder an dem völlig unzulänglichen Material an Plänen. So gelangte Pasquale Adinolfi in seinen ,,Cenni storico — scenografici intorno alia Piazza e Basilica Vaticana“ 2) zu der irrigen Annahme, daß das Auditorium rotae in dem sogenannten Vorbau Pauls II. untergebracht gewesen wäre. Nach Jahren veröffentlichte Eugene Müntz gerade diesen Abschnitt aus Adinolfis Originalmanuskript, ohne eine kritische Berichtigung hinzuzufügen 3). Aus seinen eigenen Ausführungen ist zu entnehmen, daß auch er einzelne kúriaié Ämter im erwähnten Vorbau annahm. An dessen Front gegen den Petersplatz hatte bereits 10 Jahre früher Enrico Stevenson 4) die Loggia Paolina verlegt. Dies führte z. B. zur unrichtigen Auslegung von Johannes Burckards Bericht über den Maskenaufzug vor Alexander VI. am 25. Dezember 1502 5 6). Nach einer Reihe von Jahren unternahm der damalige Präfekt der vatikanischen Bibliothek, P. Franz Ehrle S. J., einen weiteren Versuch, eine annähernde Vorstellung x) Mand. 1472—1476, fol. 3V: „Magistro Sebastiano de Lombardia carpentario . . . pro satisfactione facture tribunalis et sedilium audientie secrete camere apostolice et in deductionem solutionis armariorum que facturus est in ipsa camera pro conservatione registrorum et aliarum scripturarum.“ 2) Rom, Bibi. Angelica cod. lat., 604, fol. 184 ff. 3) Les arts ä la Cour des Papes (in der Folge mit ACP. abgekürzt), IV (1898), p. 75 f. 4) Topográfia e monumenti di Roma nelle pitture a fresco di Sisto V im „Omaggio giubilare della Biblioteca Vaticana al S. Pont. Leone XIII“ (Roma 1888), p. 12. 6) Johannis Burckardi Liber notarum (Rer. Ital. SS. vol. XXXII2, ed. E. Celani, im folgenden BLN. abgekürzt), II, p. 341: „Ascenderunt [mascherati] ad plateolam inter portam palatii et audientiam [rotae], ubi ostenderunt se pape qui erat in fenestra supra portam in logia paulina.“ Auf ihrem, zwischen dem Palasttore und dem Auditorium rotae gelegenen, erhöhten Standplatz im ersten Hof waren die mascherati für den von der Loggia Paolma herabsehenden Papst sehr gut sichtbar.

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