Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 77. Alexander Novotny (Wien): Lorenz von Steins Berufung nach Wien

480 Novotny, Franz Joseph und Minister Grafen Thun eigenhändig unterzeichnet. Den Anfang eines Ent­wurfes von unbekannter Hand hat Thun persönlich durchgestrichen und das Konzept hierauf [mit Ausnahme des eingeklammerten Abschnittes] Wort für Wort selbst geschrieben. neue Quellenfunde immer nur noch deutlicher wird. Diesem konservativen und streng katholisch gesinnten altösterreichischen Edelmann haben links- und rechtsstehende Historiker ihre Anerkennung nicht versagen können. Eine lautere Gesinnung wohnte in dem weitblickenden, klugen und vielseitig interessierten, dabei aber doch nur in eine einzige, festgelegte Richtung wirkenden Manne, dem Österreich die vielleicht größte Reform verdankt, die sein Geistesleben von Seite des Staates je erfahren hat. An seinem Vortrage hier fällt die Großzügigkeit auf, die ihn zu der Zeit, die den katholischen Charakter der österreichischen Hochschulen betonte, doch dazu geführt hat, Kaiser Franz Joseph energisch zu beeinflussen, einen Mann zum Professor zu ernennen, der Protestant war und den die Polizei eines befreundeten Staates nicht eben günstig beschrieben hatte. Thun wünschte nicht über Kleinigkeiten zu stolpern. Deshalb nahm er die Sache selbst in die Hand, wie aus dem eigenhändig geschriebenen Konzept und aus dem Notenwechsel zwischen ihm und dem Minister des Äußeren deutlich hervorgeht. Die Unterrichtsreform durfte vor der Lehrkanzel für politische Wissen­schaften nicht Halt machen und da das Professorenkollegium keinen Österreicher empfehlen konnte und Hemmungen hatte, den kürzlich in Prag ernannten Professor Mischler nach so kurzer Zeit für Wien vor­zuschlagen, gab es für Thun keinen Zweifel, daß die Berufung eines „der ausgezeichneten Nationalökonomen Deutschlands“ die beste Lösung sei. Thun hat wiederholt über verdiente Protestanten seine schützende Hand gebreitet, wie auch sein Verhältnis zu Bonitz zeigte (vgl. Schneider, S. 178,191 und besonders 200 ff.), und Stein hat auch nach seiner Übersiedlung seinen Protestantismus taktvoll und überzeugt vertreten, wie sein Gutachten über die Zugehörigkeit der evangelisch-theologischen Fakultät zur Wiener Universität vom 8. Februar 1862 beweist. Thuns Vortrag, der sich bei aller Ausführlichkeit doch auf die wesentlichen Punkte beschränkt, zeichnet sich durch große Selbständigkeit des Urteils aus. Inhaltlich lehnt er sich an Steins eigene Lebens­beschreibung, an das Gutachten der Fakultät und an zwei Polizeiberichte an, deren Originale trotz großer Mühe nicht gefunden werden konnten. Die Note des Ministeriums des Äußeren an den Chef der Polizei­stelle vom 16. Dezember 1854 enthält einen Auszug, der „die ausgezeichneten Fähigkeiten und Gelehrsamkeit des Publizisten Dr. Ludwig (!) Stein bestätigt, jedoch demselben, wie in den dortigen Verhältnissen natür­lich, zum Vorwurf macht, daß er sich während der Epoche der politischen Wirren an den Bestrebungen der dänenfeindlichen Partei in den Herzogtümern beteiligt habe, deshalb er auch bei der Regeneration der Universität in Kiel im Jahre 1852 von seiner dortigen Professur der Staats Wissenschaften entfernt worden sei; im übrigen habe sein Verhalten zu keinen weiteren Aussetzungen Anlaß gegeben.“ Thun ist von dem Streben, einen möglichst modernen Zug in die Pflege der politischen Wissenschaften zu bringen und von dem Bewußtsein großer Verantwortung erfüllt, die auch aus seinen persönlich geführten Unterhandlungen mit den in Frage kommenden Professoren — alle aus Staaten, mit denen Österreich enge befreundet war — hervorgeht. Steins Vorname, der richtig „Lorenz Jacob“ lautete, wird meist, wie auch in anderen Quellen, fälsch­lich mit „Ludwig“ wiedergegeben. Seine Werke hat Thun in einer für Kaiser Franz Joseph sympathischen Auffassung interpretiert. Zur Ehre Steins und Thuns sei es gesagt, daß diese Erläuterung von Thun herrührt und nicht von Stein, der noch in seiner Lebensbeschreibung die gegenrevolutionäre Tendenz bei weitem nicht so betont hat. Thuns Vortrag beweist, daß er Steins Hauptgedanken nicht nur gekannt, sondern auch verstanden und bejaht hat. An erster Stelle steht das wissenschaftliche, erst an zweiter Stelle auch das politische Interesse, das sich für Österreich an die Berufung Steins knüpfen sollte. Doch hat Thun ohne Zweifel auch gehofft, Stein als Berater der österreichischen Regierung und als publizistischen Vertreter seiner Politik, besonders in norddeutschen Fragen, zu gewinnen. Hier mag man auch an eine Empfehlung Brucks denken, über die in den Akten des österreichischen Handels- und des Finanzministeriums nichts ermittelt werden konnte. Steins Haltung in der schleswig-holsteinischen Frage hat Thun geschickt als Treue gegen die Politik des Bundestages dargestellt. Die Bedenken der Polizei hat er nicht verschwiegen, aber die vorgebrachten Einwände auch nicht überschätzt. Die Fakultät hatte bei aller wissenschaftlichen Anerkennung mit großem Nachdruck auf alles politisch Belastende im Leben Steins hingewiesen. Von dieser Tendenz merkt man im Vortrage Thuns nichts. Aus seinem Wortlaut ergibt sich eine kleine, aber sehr zutreffende Charakteristik Steins und seiner Berufsabsichten. Er erfüllte in hohem Grade alle Voraussetzungen für eine akademische oder auch eine praktische Berufsausübung in Österreich. In den Monaten seines Wiener Aufenthaltes vor der Ernennung — seit November 1854 — pflegte er Beziehungen zu Männern der Wissenschaft und der Wirt­schaft. Die publizistische Ader Steins ist auch in Österreich nicht versiegt. Schon gleich nach Beendigung des Krimkrieges gab er in zwei Schriften über die Aufgaben des Friedens Proben seines bewährten Talentes. So ist dieser Vortrag mit seinen Beilagen eine wichtige Quelle für das Verständnis der Persönlichkeit des Staatsmannes Thun wie für die des Gelehrten Stein, ein neuer Beweis für Weitblick und Instinktsicher­heit des großen Kulturpolitikers, der durch seinen entscheidenden Schritt diesen bedeutenden Gelehrten für Österreichs Wissenschaft gewonnen hat.

Next

/
Thumbnails
Contents