Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 72. Hans Lentze (Innsbruck): Joseph von Spergs und der Josephinismus
410 Lentze, Als sich die Sache endgültig zerschlagen hatte, schrieb er an Laicharding: „Mir thut leid, daß meines Bruders Unfähigkeit, oder das Mistrauen auf seine Gesinnung den Herrn Präsidenten 1) zu seiner berichtlichen Vorstellung anher, daß er in Tyrol, ausser Herrn Hofer zu Brixen, Niemand tauglichen dazu finde, veranlasst, und dadurch hier am allerhöchsten Ort selbst theils Abneigung, theils Verachtung gegen den Tyroler Prälatenstand verursacht hat. . . . Ich wünsche nur, daß nicht etwa von seiner Seite ein Misgunst gegen den Prelaten daran schuld habe, und dem Stift selbst nicht im übrigen noch Schaden bringe 2).“ Es ist daher verständlich, daß er als Beamter die Reformen Josephs II. in seinem Tätigkeitsbereich so schonend als möglich durchzuführen trachtete 3). Spergs und der Papstbesuch im Jahre 1782. Ein Ereignis, an dem sich die Geister schieden, war der Papstbesuch des Jahres 1782 4), durch den Pius VI. den Kaiser umstimmen wollte. Angesichts des bevorstehenden Papstbesuches ließen die Radikalen ihre antikuriale Richtung noch schärfer hervortreten5). Ihr Wortführer war Josef Valentin Eybel6), der die Lehre der radikalen kirchlichen Aufklärung vom Papsttum in leicht faßlicher, populärer Form zur Massenverbreitung in der Schrift „Was ist der Papst ? Wien 1782“ darstellte. Die gemäßigtere Richtung der Josephiner, insbesondere Abt Rautenstrauch und sein Kreis, lehnte den Radikalismus Eybels ab. Rautenstrauch sah aber dem Papstbesuch wie seine Freunde Martini und Kresl mit sichtlicher Besorgnis entgegen. Sie fürchteten entweder Zugeständnisse des Kaisers oder aber, wie Martini, die Exkommunikation desselben. Beides wäre ihnen unangenehm gewesen. So waren sie über den Ausgang des Papstbesuches, der die Gegenstandslosigkeit ihrer Befürchtungen erwies, hoch erfreut 7). Ein Vorspiel des Papstbesuches bildete der bekannte Notenwechsel zwischen dem Nuntius Garampi und dem Staatskanzler Fürst Kaunitz im Dezember 1781. In seiner Note vom 12. Dezember 1781 legte der Nuntius dar, wie sehr die bisherigen religiösen Neuerungen, die Aufhebung der Klöster und die den Bischöfen aufgetragene Ausübung päpstlicher Reservatrechte, die Verfassung der Kirche verletzten. Als Antwort darauf erließ Fürst Kaunitz sein bekanntes Antwortschreiben vom 19. Dezember 1781, das die Grundsätze der josephinischen Kirchenpolitik in aller Schärfe proklamierte. Durch AH. Entschließung wurde dieses den Landesstellen und Konsistorien bekannt gegeben mit der Erklärung, daß auf AH. Befehl die in dieser Erklärung enthaltenen Prinzipien „zum Richtmaß“ in allen kirchlichen Angelegenheiten zu dienen hätten 8). Auch Spergs sah dem Papstbesuch mit bangem Herzen entgegen, aber nicht weil er Zugeständnisse des Kaisers befürchtet hätte — er lehnte ja die radikale Kirchenpolitik *) Johann Gottfried Graf Heister (1718 bis 1800) war von 1774 bis 1787 Gubernialpräsident und gleichzeitig Landeshauptmann von Tirol, siehe Granischstädten, Tiroler Heimatblätter, Jg. 1938, S. 58. 2) Br. Laicharding Vater, Nr. 42, 18. November 1782; siehe dazu Walter, a. a. O., II. Abt., Bd. l/II, T. I, S. 39 Anm. 61. 3) Dipauli, a. a. O., S. 26; Cremes, a. a. O., S. XII. 4) Schütter, siehe oben S. 400, Anm. 4; Mitrofanov,a.a.O., S. 728 ff.; Ritter, a. a. O., S. 249 ff.; Beidtel, a. a. O., S. 282 ff.; Pastor, Geschichte der Päpste, Bd. XVI/3, Freiburg i. Br. 1933, S. 324 ff.; die Literatur über den Papstbesuch in Wien ist zusammengestellt bei Veit, a. a. O., S. 497. 5) Schütter, a. a. O., S. 19; Brunner, Mysterien, S. 207 ff; Valjavec, a. a. O., S. XXIX, 58 f. 6) Über ihn siehe Posch, a. a. O., S. 13 f.; Wurzbach, a. a. O., Bd. IV, S. 118; Sturmberger, Jahrbuch des oberösterreichischen Museal Vereins, Bd. 93, 1948, S. 163 ff. 7) Winter, a. a. O., S. 190. 8) Die Note des Nuntius und das Antwortschreiben von Kaunitz sind abgedruckt bei Ritter, a. a. O., S. 239 ff.; die A. H. Entschließung vom 20. Dezember 1781 bei Riehl und Reinöhl, Kaiser Joseph II. als Reformator auf kirchlichem Gebiet. Wien 1881, S. 153 ff.; Novotny, a. a. O., S. 161; Winter, a. a. O., S. 236; Schütter, a. a. O., T. 1, S. 3 ff.