Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 72. Hans Lentze (Innsbruck): Joseph von Spergs und der Josephinismus
Joseph von Spergs und der Josephinismus. 401 partikularkirchlichen Bestrebungen und ihrer staatskirchlichen Gesinnung von den theologischen Rationalisten scharf zu trennen sind 1). Auch sie selbst ziehen da einen Trennungsstrich, wie das bei Spergs noch deutlich werden wird. Daß auch Spergs, dessen beide Geschwister in den geistlichen Stand getreten waren 2), ein tief religiöser Mann war, der sich subjektiv für einen guten Katholiken hielt, ist nicht zu bezweifeln. Dipauli 3) berichtet von ihm, daß er sehr religiös gewesen sei. Wittola 4) weiß von ihm zu melden, daß er „in Worten und Geberden schamhaft und eingezogen wie eine Jungfrau“ gewesen sei. In seiner Jugendzeit hat dieser bewegliche Geist einen Kreuzweg verfaßt, der ganz aus Bibelstellen zusammengesetzt ist und davon zeugt, daß er mit der hl. Schrift tief vertraut war5). Echt christlichen Geist atmet auch die von ihm verfaßte Grabschrift6). Daß er es mit dem Fastengebot ernst nahm, zeigt seine Wertschätzung der Fastenzeit, während doch damals bereits die radikalen Aufklärer gegen das Fasten Sturm liefen 7). „Diese Letztere (12 geräucherte Ochsenzungen) werden sich wohl bis nach Ostern auf behalten laßen, weil ich in der Fastenzeit mich von dem Fleischessen enthalte, den Sonn- und Donnerstag ausgenommen, an welchen ich doch gemeiniglich zu Gaste geladen bin“ 8). „Allein itzt in der Fasten kann und muß man um so mehr geduldig seyn“ 9). „Für die Fastenzeit ist dergleichen Nascherey (Kletzenbrot) ohne das nicht“ 10 *). Einen Einblick in seine weltanschauliche Haltung gewährt die veröffentlichte Korrespondenz mit italienischen Gelehrten, in der er seine Ansichten oftmals scharf formuliert. Die jansenistische Haltung des Kreises um den Prälaten Ignaz Müller gibt folgende Äußerung wieder: „Apage cum tua Jansenianae labis suspicione: nimium diu jactati sunt hac calumnia viri docti Molinianae sectae adversarii. Apud nos phantasma istud jam dudum evanuit“ n). Daß sich die Kirchendisziplin dem Geist der Zeit anpassen müsse, scheint ihm unzweifelhaft zu sein: „De dictatura, quam in ipsam religionem aliqui vobis videntur exercere vel adsectare, gravia sunt, quae dicis, sed minime mihi persuades; disciplinam in rebus ecclesiasticis ad mores ac religionis caeremonias pertinentibus emendationis causa mutari posse, imo et oportere absque ulla religionis labe ac detrimento, persuasissimum nobis est ac plane indubium 12).“ Energisch verteidigt er das gallikanisch-jansenistische Kirchenrecht, aber nicht ohne sich dagegen zu verwehren, daß er ein radikaler Aufklärer sei: ... in multis tamen, quod facile tibi persuadebis, assentientem me tuae opinioni non habes. Nam etsi opulentiam sacri ordinis hominum, et ursurpatum civile imperium sedulo excuses, clericorum numerum, coelibatus perpetui obligationem, et alia ad id genus acriter defendas, atque adversariorum argumenta de magistratus civilis jure in sacra asyla, dies festos, matrimonii leges, pia sodalitia, et alia externi cultus ac disciplinae christianae capita pro virili parte sive diluas sive eludas. . .. Monitus tamen mihi sis atque iterum monendus, ne forte aliquem me de pseudopoliticorum 1) Posch, a. a. O., S. V; 5 f. 2) Dipauli, a. a. O., S. 46 f. 3) A. a. O., S. 22. 4) A. a. O., S. 838. 5) Dipauli, a. a. O., S. 7. Der Kreuzweg ist anonym erschienen: Via crucis, sententiis ex S. Scriptura ad provocandos pie meditantium effectus illustrata, Tridenti 1749. Vorhanden in der Bibliothek des Museum Ferdinandeum in Innsbruck, Dip. 252. 6) Abgedruckt bei Wurzbach, a. a. O., Bd. 36, S. 14*1. 7) Brunner, Mysterien, S. 200 f. 8) Br. Wilten, f. 41, Nr. XI, 13. März 1779. 9) Br. Wilten, f. 85, Nr. XXII, 9. Februar 1780. 10) Br. Wilten, f. 89, Nr. XXIII, 1. April 1780. X1) Centuria, S. 150. 12) Centuria, S. 16. 26 Festschrift, II. Band.