Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 72. Hans Lentze (Innsbruck): Joseph von Spergs und der Josephinismus

398 Lentze, So hatte der Archiv adj unkt aus der Provinz eine Karriere gemacht, die ihm die Häuser des Hochadels öffnete, wie damals überhaupt tüchtige Männer auf den verschiedensten Gebieten Eingang in den Adel fanden x). Hatte der junge Gelehrte in Tirol in engen Ver­hältnissen gelebt, so öffnete sich ihm jetzt die große Welt. Er selbst beschreibt dieses Erlebnis höchst plastisch: ,,Lorsque j’etois encore dans le Tirol, je fus assez jeune et assez presomptueux (defaut de Tage) pour me erőire bien instruit et eclairé; aussi ai-j’été confirmé dans cette folle persuasion plus par l’ignorance que par la flatterie des gens qui me vouloient trop de bien. Mais étant sorti de mon petit pais, j’ai bientot au lieu d’en revenir, et me trouvant ici vis-ä-vis d’autres hommes, j’ai compris, que je ne savois encore rien. II m’a falu me reformer jusqu’ä l’écriture * 2). Und doch blieb er der Heimat eng verbunden, er fühlte sich stets als Tiroler und suchte nach Möglichkeit die tirolischen Belange zu vertreten. Alle seine Briefe sind voll von Berichten über seine Bemühungen, Tirolern eine Anstellung oder eine Pension zu ver­schaffen. In allen möglichen Anliegen wurde von Tirol aus seine Intervention begehrt, da ja in der theresianischen Zeit mit Protektion viel zu erreichen war 3). So seufzte er wohl manchmal unter dieser Last. „Seit meinem Hierseyn habe ich aus Tyrol (meinen besten Herrn Bruder ausgenommen) nichts als Widerwärtiges und Klagen hören müßen. Viele Plage von Briefen, Verdrus, Unkosten, Schaden, und wenig Ehre von den Leuten, ohne den geringsten Gegendienst (doch das Laichartingische 4) und Eglofische 5) Haus sey nicht darunter verstanden). Viele unnütze und eitele Ehrenbezeigungen mit Worten, vieleicht auch wenig Dank von Seite derjenigen, die mir verbunden seyn sollten. Ich bin solchen Niemand dort im Lande schuldig, indem ich (mit Ausnahm Trient und Roveredo) nicht einmal ein Glas Wein umsonst empfangen habe. Dabey fühle ich gleichwohl den theils christlichen, theils philosophisch stolzen Trost, daß ich an einigen vormaligen, jedoch wenigen Widersachern oder Verächtern mich mit ihrer freywilligen Demüthigung, und der Erwiderung der bösen Gesinnungen mit großmüthiger Dienstfertigkeit gerächet habe. Laßen wir dieses nun bey Seite. Gott sey gepriesen für all Gutes, was wir von ihm nicht allein über unsere Verdienste, sondern auch gegen alle Erwartung empfangen haben“ 6). In seinem Testamente bestimmte er ein Kapital von 10.000 fl. zu zwei Studienstipendien für arme, gut gesittete und sehr fähige junge Adelige aus Tirol 7), deren Verleihung den Tiroler Ständen zustehen sollte. Die Tiroler Stände lohnten seine Verdienste um die Heimat, indem sie ihn durch einstimmigen Beschluß vom 18. Juni 1765 als immatrikulierten tirolischen Landmann anerkannten 8) und ihm nach seinem Tode in der Maria-Hilf-Kirche zu Inns­bruck ein Denkmal setzten 9). Mit einem gewissen Stolze weiß er vom gesellschaftlichen Leben Wiens zu erzählen, das er seinem Bruder oft recht launig beschreibt: „Gestern und heute war mein Schicksal sonderbar: gestern speißte ich auf dem Lande samt noch einem Mann in Gesellschaft 8 Frauenspersonen: heute aber ich ganz allein in der Stadt mit 7 derselben beynahe wie ein Sultan oder Capigi Bacha. Damit aber mein bester Bruder nicht etwa glaube, es sey in einem Bordello gewesen, so muss ich dazu setzen, dass in der erstem Tischegesellschaft eine Fürstin und 2 Hofdamen, und in der Letztem ein Paar Stiftdamen gezehlt worden sind“ 10). q Novotny, Staatskanzler Kaunitz als geistige Persönlichkeit. Wien o. J. (1947), S. 81. 2) Br. Laicharding Sohn Nr. 2, 11. Jänner 1777. 3) Mitrofanov, Joseph II. Wien 1910, S. 287. 4) Über die Familie Laicharding siehe oben S. 393, Anm. 10. 6) Über die Gelehrtenfamilie Egloff siehe de Luca, Journal der Literatur imd Statistik, Bd. I, Inns­bruck 1782, S. 47 f., 96, Anhang S. 56. 6) Br. Wilten, f. 79, Nr. XX, 18. Dezember 1779. 7) Dipauli, a. a. O., S. 31. 8) Dipauli, a. a. O., S. 21. ®) Dipauli, a. a. O., S. 31. 10) Br. Wilten, f. 58, Nr. XV, 21. Juli 1779.

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