Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 70. Walter Sturminger (Wien): Die Kundschafter zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung Wiens im Jahre 1683

Die Kundschafter zur Zeit der zweiten Türkenheiagerung Wiens im Jahre 1683. 353 wurde ihm dann der Rest von 100 Dukaten in Gold ausbezahltx). Dies war also der erste Gang des Michaelowitz und nicht, wie bisher immer angegeben, der zweite. Nun folgt eine Eintragung gleich am nächsten Tage, am 2. September, die den typischen Rechnungs­beamten zeigt. Belchamps trägt in sein mehrmals erwähntes Rechnungstagebuch ein: ,,Eodem dato dem Herrn Georgio Michaelowitz Brief zu kaiserlichen Armee zu tragen 200 Dukaten in specie voran an weisen müssen“ * 2). Man sieht erstens, daß Starhemberg wegen der immer größeren Not der Stadt Michaelowitz gleich nach seiner Rückkehr wieder aussandte, und zweitens, daß Michaelowitz diesmal der größeren Gefahr wegen oder weil er selbst die mißliche Lage der Stadt nur zu gut kannte und daher nicht sicher war, ob er jemals seinen Lohn bekäme, wenn Wien in die Hände der Türken falle, das Geld im voraus verlangt und bekommen hat. Aus dem ,,im voraus an weisen müssen“ ersehen wir aber, daß Belchamps das Geld anscheinend widerwillig und nur über höheren Befehl im voraus ausbezahlt hat. Aber noch ist Michaelowitz nicht zurück, da fiel nach tapferster Gegenwehr der Burg­ravelin in die Hände der Türken und am 4. September nachmittags riß eine gewaltige Mine an der Spitze der Burgbastei eine zehn Meter breite Bresche in die Mauern der Stadt. In dieser Stunde der höchsten Gefahr entsandte Starhemberg noch am gleichen Tage wieder den Stephan Seradly mit Briefen zu Herzog von Lothringen. Seradly wurde aber im türkischen Lager aufgegriffen oder hat sich aus freien Stücken zu Kara Mustapha begeben und hat diesem die Briefe ausgehändigt. An diese mißglückte Sendung des Seradly knüpfen sich nun mannigfache Legenden und Hypothesen, die nunmehr einwandfrei widerlegt sind. Der im türkischen Lager gefangen gehaltene Baron Kunitz trägt in sein Tagebuch ein: ,,Eodem ist auch eines armenischen Doktors namens Schahim bedienter mit einem Paket Briefe aus der Festung den 5.ten bekomben und vor den Grossvezier gebracht worden, so in examine ausgesagt, dass gestalt der Commendant nicht mehr denn 5000 Soldaten in der Stadt und höchsten hilf vonnöthen habe. Item wehre ein grosser Zwietracht zwischen den Burgern und der militia darinnen, also wann der Feind gestern mit seinem sturmen besser ausgehalten, vielleicht die Bürgerschaft zur Übergab sich hätte resolvieren dürfen .. . “ 3). In einem anderen anonymen Diarium heißt es unter dem 4.ten September: ,,Es kömbe auch ein Vberlauffer der ein Räcz der hier brief an herezog von Lottringen getragen vnd jetzo wieder einen bei sich hette, aber sagte das nicht mehr als 5000 Soldaten in der statt mehr sein. Item seind auch grosse zwytracht vntern den bürgern vnd Soldaten, so den gross vezier bewegt, das er die gancze nacht hindurch starkh canoniren last ,..“4). An diese beiden gleichzeitigen Berichte, die aber in der Person des Boten divergieren — bei Kunitz ein Diener eines armenischen Arztes, im Diarium ein Raize — stellt nun Bermann, der ja nicht als Historiker zu werten ist, in seinem „Wienerischen Ehrenkränzlein“ 5 6) sogar die interessante, aber falsche Vermutung auf, dieser letzte Bote sei identisch mit Michaelowitz, der auf dem Rückwege in die Hände der Türken gefallen sei. Er sagt: „Gegen die Zeitbestimmung ließe sich gewiß nichts einwenden und die Art, wie sich der Wackere durch sein Märlein vom armenischen Arzt und der in Wien herrschenden Zwietracht zu retten suchte, sei leicht erklärt. Michaelowitz sei nicht allein sprachenkundig gewesen, sondern habe auch die politischen Verhältnisse gekannt. Er habe sich wohl gehütet, sich als Serbe oder Raize — der er ja war — zu bekennen, welchen man im Türkenlager nicht x) Hocke, S. 164 (aber unrichtig!); Newald, II, S. 69. 2) Hocke, S. 167; Newald, II, S. 70. 3) Kriegsarchiv, 1683, Fase. 13, Nr. 13%; Kriegsjahr, S. 222—225. 4) „Diarium, was sich vom 7. Juny anno 1683 biss zu end der Belagerung Wienns bey der türkischen armee zugetragen.“ Mitgeteilt Friedr. Firnhaber im II. Heft, I. Bd., Jg. 1850, des Archivs für Kunde österr. Geschichtsquellen, S. 149. 6) (Bermann), Ehrenkränzlein, S. 22/23. 23 Festschrift, II. Band.

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